Dossier
Der Monopolist Gazprom kauft weltweit die Gasvorräte der großen Produzenten auf. Die Europäer haben im Kampf um eine Auswahl des Lieferanten kaum noch eine Chance - und sind dem Gebaren der Russen mehr und mehr ausgeliefert. von Claus Hecking (Hamburg) und Wolfgang Proissl (Brüssel)
Der "Führer der Großen Revolution des Ersten September der Sozialistischen Libysch-Arabischen Volksmassenrepublik" hat einiges erlebt in seinen 39 Amtsjahren. Doch so ein Angebot wie jetzt hatte Muammar al-Gaddafi noch nie auf seinem Tisch: Alexej Miller, Chef des russischen Energiemonopolisten Gazprom, will Libyens gesamte Erdgas- und Erdölexporte aufkaufen. Zu aktuellen Marktpreisen. Ohne Nachlass.
Gaddafi hat die Offerte vom vorvergangenen Mittwoch noch nicht beantwortet. Der 66-Jährige ist zu gerissen, um sich voreilig festzulegen. Ehe er sich von einem einzigen Abnehmer abhängig macht, muss er den Deal genau überprüfen. Gazprom plant trotzdem munter weiter. Am Jahresende würden die Lieferungen aus Libyen starten, kündigt Sprecher Sergej Kuprijanow an.
Es wäre ein Schlag für Libyens wichtigsten Abnehmer, die Europäer. Schließlich sucht die EU verzweifelt nach Erdgaslieferanten: Die Eigenproduktion ihrer 27 Mitgliedsstaaten wird sich bis 2020 fast halbieren, der Verbrauch weiter wachsen. Schon jetzt hängen manche Staaten am Tropf Russlands. Doch ob in Nordafrika oder in Zentralasien: Wo immer die Europäer nach Energieträgern Ausschau halten, überall macht sich der russische Staatskonzern breit. Längst ist das Thema hochpolitisch. "Gazprom verfolgt den Plan, gegenüber Europa zum Monopolgasversorger zu werden", warnt Jacek Saryusz-Wolski, der polnische Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im EU-Parlament. Und der CDU-Europaparlamentarier Elmar Brok sagt: "Gazprom ist mit seiner Strategie der Einkreisung der Europäer fast am Ziel."
Gazprom ist der neue Inbegriff der russischen Macht
Gazprom. Der Inbegriff der neuen russischen Macht: Goldesel des Kreml, langjährige Wirkungsstätte von Präsident Dmitri Medwedew, politische Waffe seines Vorgängers Wladimir Putin. Die Ukraine und Weißrussland haben bereits zu spüren bekommen, wie kalt es wird, wenn Moskau den Hahn zudreht. Seit dem Druckabfall 2006 fürchten auch die Mitteleuropäer den Staatskonzern. Und nun versuchen Kreml und Gazprom-Führung Hand in Hand, den Gasgiganten noch einflussreicher zu machen. Zuallererst in Europa.
Rund 40 Prozent der EU-Gasimporte stammen von Gazprom. Aber das reicht den Russen nicht. "Gazprom will ganz gezielt den Europäern die Alternativen zu ihrem Gas nehmen", sagt Florian Haslauer, Energieexperte der Unternehmensberatung A.T. Kearney. "So kann Miller seine Visionen der künftigen Gaspreise realisieren." Kürzlich sprach der Konzernchef von 1000 Euro je 1000 Kubikmeter, sollte der Ölpreis weiter anziehen. Es wäre eine Vervierfachung gegenüber 2007.
Seit Längerem versucht der Kreml, ein Kartell der wichtigsten Gasproduzenten ähnlich der Opec zu schmieden. Bislang vergeblich: Zu zersplittert ist der Markt. Und so probieren es die Russen mit anderen Methoden. "Wenn sie eine Gas-Opec nicht über Verhandlungen hinbekommen", sagt David Cox, Chef der Beratung Pöyry Energy Consulting, "dann machen sie es, indem sie die Ressourcen aufkaufen."
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