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Merken   Drucken   25.06.2007, 19:48 Schriftgröße: AAA

Agenda: Geschafft!

Überlastete Schulen, explodierende Jugendkriminalität, überforderte Ärzte - diese drei wunden Punkte nahm sich Tony Blair vor, als er 1997 Premierminister in Großbritannien wurde. Er wollte das Land verändern. Nicht überall ist es ihm gelungen. Eine Spurensuche.
von Daniel Kramb

 

Maureen Burns steht im Vorgarten ihrer Wohnung. Ihr Schäferhund bellt ungeduldig. Viele Menschen haben Wachhunde hier in Miles Platting, einer rauen, heruntergekommenen Gegend in Manchester. "Verbrechen waren schon immer ein Problem", sagt die 47-Jährige. "Vor allem unter Jugendlichen. Die haben keinen Respekt mehr."

Die Jugendlichen, die sie meint, lungern direkt um die Ecke. Einer von ihnen ist Jason Anderson, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er zieht den Kapuzenpulli tief ins Gesicht. Redet mit seinen Kumpels. "Die Schießereien werden immer schlimmer", murmelt der 20-Jährige. "Aber wir schlagen uns so durch." Was sie heute vorhaben? "Herumhängen oder Mist machen, was sich eben ergibt."

Den "Respekt", den Maureen Burns vermisst, wollte Tony Blair wiederherstellen, und es waren Jugendliche wie Jason, die er ins Visier nahm. Wie keine Labour-Regierung zuvor hat er das Thema Law and Order, eigentlich Steckenpferd der Tories, an sich gerissen. Er erließ zahlreiche neue Gesetze, um die Kriminalität in den Griff zu bekommen: Die Polizei bekam mehr Kompetenzen, Hunderte neue Überwachungskameras wurden im ganzen Land installiert. Vandalismus und Aggression würden nicht mehr geduldet, tönte der Premier. "Respekt-Agenda" nannte er seinen Versuch, die Gesellschaft zu remoralisieren.

Herzstück seiner Respekt-Agenda sind die sogenannten "Asbos" - Strafen gegen antisoziales Verhalten. Ohne viel Bürokratie kann die Polizei sie verhängen, Verdächtige auf der Straße stoppen, Unruhestifter aus Gegenden verbannen.

Glaubt man der offiziellen Statistik der British Crime Survey (BSC), die vom Innenministerium erstellt wird, ist die Zahl der Verbrechen unter Blair stetig gefallen. Doch in Wahrheit seien viele Regierungsinitiativen so, als würde man "ein Pflaster auf ein gebrochenes Bein kleben", schreiben Wissenschaftler der Universität Oxford in einem Bericht. Blairs Bemühungen hätten in der Vergangenheit zum Ziel gehabt, Wahlen zu gewinnen. Das Verbrechensproblem gehe er nicht wirklich an.

Immer wieder kam es in letzter Zeit zu Schießereien unter Jugendlichen in Manchester und London. Oft sind die Täter unter 16 Jahren und fallen nicht mehr unter die offizielle Statistik der BSC. Auch Maureen Burns fühlt sich nicht sicher. "Blair hat in Sachen Verbrechen rein gar nichts bewirkt."

Brian Gibbs richtet sich mühsam auf. Schmerzen zeichnen Falten in sein Gesicht. Gerade wurde sein Knie operiert. "Ganz schön kaputt war es", sagt der 63-jährige Bauarbeiter. Er liegt in einer Spezialpraxis in Shepton Mallet, einem Nest in der Grafschaft Sommerset. Nur zehn Wochen musste er auf seine Behandlung warten. Nach den Maßstäben des britischen Gesundheitssystems ist das eine kurze Zeit. Eine sehr kurze Zeit.

Für Tony Blair war die Erneuerung des National Health Service (NHS) das schwierigste Reformprojekt. Das System, das vollständig staatlich finanziert ist und jedem Bürger kostenlose Versorgung ermöglicht, ist ein bürokratischer Koloss. Zu Beginn von Blairs Amtszeit war es chronisch unterfinanziert, die Zustände in den Krankenhäusern katastrophal: mangelhafte Hygiene, überforderte Ärzte und unwürdige Wartezeiten. Vereinzelt starben sogar Patienten, weil eine rechtzeitige Behandlung ausblieb.

Eine Erhöhung der Einkommensteuer bescherte dem NHS vor sieben Jahren den größten Geldsegen seiner Geschichte. Hunderte neuer Krankenhäuser und Praxen öffneten, Tausende Ärzte und Krankenschwestern wurden angeheuert, die Löhne kräftig erhöht.

"Es hat sich vieles verbessert im Gesundheitssektor, dank Blair", sagt Glenys Mansfield, Chefin der Praxis in Shepton Mallet. In der Tat: Die Zahl der Patienten auf Wartelisten ist seit 1997 um 384.000 zurückgegangen. Auch das Ziel, die Durchschnittswartezeit auf 18 Wochen zu verkürzen, rückt immer näher.

Dennoch stößt Blairs Reform auf Kritik. "Die vielen Milliarden, die Blair ins NHS gesteckt hat, sind vor allem in die Taschen von Managementexperten geflossen", klagt ein Sprecher der Ärztevereinigung BMA. In Wahrheit lege man keinen großen Wert auf die Qualität der Behandlungen. Die Moral vieler NHS-Angestellter sei am Boden, weil Entscheidungen auf Regierungsebene getroffen würden und nicht auf lokaler NHS-Ebene.

Laut einer Harris-Umfrage meinen 80 Prozent der Briten, die Situation habe sich nicht verbessert. Für Blair ist das ein schwerer Schlag, war ihm die Gesundheitsreform doch besonders wichtig. Brian Gibbs aber ist zufrieden. "Wichtig ist, schnell behandelt zu werden", sagt er. Da könne er wirklich nicht klagen.

Morag Shiach gibt ihrem Sohn James einen Klaps auf die Schulter. Dann rennt der 14-Jährige los. Er trägt eine makellose, graue Schuluniform. Der Junge lächelt und verschwindet dann hinter dem Schultor der Mossbourne Community Academy, eines modernen Gebäudes aus Glas und Stahl. Drumherum: Sozialwohnungen. Seelenlose Bauten. Hackney ist einer der ärmsten Stadtteile Londons.

"Diese Schule ist das Beste, was uns passieren konnte", sagt Shiach, als James außer Sichtweite ist. Noch vor einigen Jahren stand hier eine Gesamtschule, die so unbeliebt war, dass die Bildungsaufsicht Ofsted sie dichtmachte. Die neue Schule ist dagegen eine der besten des Landes.

Die 2004 eröffnete Mossbourne Community Academy, das ist Tony Blairs große Reformidee für den Bildungssektor. Bei seinem Amtsantritt hatte er die Bildungsreform vollmundig zu seiner obersten Priorität erklärt. Als er in die Downing Street einzog, war die Situation desolat: überforderte Lehrer, schlecht ausgestattete Schulen und ein verkrustetes Bildungssystem, in dem überlastete lokale Behörden das alleinige Sagen hatten.

Premierminister Blair versprach, mehr Geld in Bildung zu investieren - und löste es ein: Er verdoppelte während seiner Amtszeit die Bildungsausgaben. Und er präsentierte sein neues Bildungskonzept: Akademien, die zwar staatlich sind, aber von privaten Investoren mitfinanziert werden. Die Mossbourne Community Academy ist so eine Schule.

"Die Lokalregierungen hatten 60 Jahre Zeit, Bildung zu verbessern", sagt Michael Wilshaw, Mossbournes Rektor, in seinem bescheidenen Büro im ersten Stock. "Aber sie haben es nicht hinbekommen." Jetzt bekomme jemand anderes die Chance. Menschen, die in ihrem Leben erfolgreich waren und nun etwas zurückgeben wollen.

Das Prinzip ist im Grunde einfach: Eine Organisation, ein Unternehmen oder eine Privatperson zahlt 2 Mio. Pfund. Im Falle von Mossbourne waren das zehn Prozent der Kapitalkosten beim Bau der Akademie, gesponsert von einem pensionierten Millionär, der in Hackney aufgewachsen ist. Im Gegenzug bekommt der Geldgeber ein Mitspracherecht bei der Stundenplangestaltung, darf die Spezialisierung der Schule festlegen, den Rektor ernennen, den Architekten wählen.

Akademien ersetzen Schulen, die hinter dem Standard zurückbleiben. Und sie sollen Kindern in benachteiligten Gegenden wieder eine echte Chance geben, wünschte sich Blair. Innovativ sollten die Akademien sein, kreativ in Lehre und Stundenplan und vor allem ein Vorbild für andere Schulen. Dadurch, so hoffte Blair, würde sich der Standard im ganzen System erhöhen.

Mittlerweile gibt es in Großbritannien 46 solcher Schulen. Und die in Hackney gehört zu den besten. Ofsted gibt Mossbourne regelmäßig Topnoten. Gerade mal 180 Plätze hat die Schule, die Zahl der Bewerber ist sechsmal so hoch. "Alle Eltern, mit denen ich spreche, sind überglücklich, dass ihre Kinder auf der Mossbourne sind", sagt Rukhsana Shafi, die seit 15 Jahren in Hackney lebt und ihre zwölfjährige Tochter an die Akademie schickt. "Mein Sohn geht auf eine Gesamtschule um die Ecke. Der Unterschied könnte nicht größer sein."

Dennoch ist Blairs Reformprojekt umstritten. "Jeder, der das Geld in der Tasche hat, kann Kontrolle über junge Menschen ausüben", klagt etwa eine Sprecherin der Lehrergewerkschaft NUT. "Wir geben die schulische Entwicklung unserer Kinder in die Hände von Menschen, die oft keine Ahnung von Bildung haben." So sehen das auch viele Elternverbände und eine ganze Reihe von Blairs Labour-Kollegen. Sie befürchten eine Privatisierung durch die Hintertür, vor allem wenn die Akademien von großen Banken Finanzspritzen bekommen. Die Bridge Academy, die nur wenige Minuten von der Mossbourne entfernt gebaut wird, ist so eine - gesponsert von der Investmentbank UBS. Die Sorge: Millionenschwere Banken verfolgen zu sehr eigene Interessen und versuchen, sich auf diese Weise ihren Nachwuchs heranzuzüchten.

Auch von der Qualität der Akademien sind längst nicht alle überzeugt. "Die Schulen schneiden viel weniger gut ab, als die Regierung behauptet", schimpft Sarah Teather, Bildungssprecherin der Liberaldemokraten. "Hier werden Milliarden in ein Versuchsprojekt gesteckt, das sich noch nicht bewehrt hat." Eine Studie der Universität von Edinburg kommt sogar zu dem Ergebnis, dass die Akademien kaum besser seien als ihre Vorgängerschulen.

Ungeachtet der Kritik wollen sowohl Blairs Nachfolger Gordon Brown als auch die Konservativen den Weg weitergehen. 200 neue Akademien sollen bis 2010 eröffnen. Und James? Er will mal Jura studieren, wenn er groß ist. Mutter Shiach ist sich sicher: "Diese Schule bereitet ihn bestens auf eine erfolgreiche Zukunft vor."

  • Aus der FTD vom 26.06.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland
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