Morag Shiach gibt ihrem Sohn James einen Klaps auf die Schulter. Dann rennt der 14-Jährige los. Er trägt eine makellose, graue Schuluniform. Der Junge lächelt und verschwindet dann hinter dem Schultor der Mossbourne Community Academy, eines modernen Gebäudes aus Glas und Stahl. Drumherum: Sozialwohnungen. Seelenlose Bauten. Hackney ist einer der ärmsten Stadtteile Londons.
"Diese Schule ist das Beste, was uns passieren konnte", sagt Shiach, als James außer Sichtweite ist. Noch vor einigen Jahren stand hier eine Gesamtschule, die so unbeliebt war, dass die Bildungsaufsicht Ofsted sie dichtmachte. Die neue Schule ist dagegen eine der besten des Landes.
Die 2004 eröffnete Mossbourne Community Academy, das ist Tony Blairs große Reformidee für den Bildungssektor. Bei seinem Amtsantritt hatte er die Bildungsreform vollmundig zu seiner obersten Priorität erklärt. Als er in die Downing Street einzog, war die Situation desolat: überforderte Lehrer, schlecht ausgestattete Schulen und ein verkrustetes Bildungssystem, in dem überlastete lokale Behörden das alleinige Sagen hatten.
Premierminister Blair versprach, mehr Geld in Bildung zu investieren - und löste es ein: Er verdoppelte während seiner Amtszeit die Bildungsausgaben. Und er präsentierte sein neues Bildungskonzept: Akademien, die zwar staatlich sind, aber von privaten Investoren mitfinanziert werden. Die Mossbourne Community Academy ist so eine Schule.
"Die Lokalregierungen hatten 60 Jahre Zeit, Bildung zu verbessern", sagt Michael Wilshaw, Mossbournes Rektor, in seinem bescheidenen Büro im ersten Stock. "Aber sie haben es nicht hinbekommen." Jetzt bekomme jemand anderes die Chance. Menschen, die in ihrem Leben erfolgreich waren und nun etwas zurückgeben wollen.
Das Prinzip ist im Grunde einfach: Eine Organisation, ein Unternehmen oder eine Privatperson zahlt 2 Mio. Pfund. Im Falle von Mossbourne waren das zehn Prozent der Kapitalkosten beim Bau der Akademie, gesponsert von einem pensionierten Millionär, der in Hackney aufgewachsen ist. Im Gegenzug bekommt der Geldgeber ein Mitspracherecht bei der Stundenplangestaltung, darf die Spezialisierung der Schule festlegen, den Rektor ernennen, den Architekten wählen.
Akademien ersetzen Schulen, die hinter dem Standard zurückbleiben. Und sie sollen Kindern in benachteiligten Gegenden wieder eine echte Chance geben, wünschte sich Blair. Innovativ sollten die Akademien sein, kreativ in Lehre und Stundenplan und vor allem ein Vorbild für andere Schulen. Dadurch, so hoffte Blair, würde sich der Standard im ganzen System erhöhen.
Mittlerweile gibt es in Großbritannien 46 solcher Schulen. Und die in Hackney gehört zu den besten. Ofsted gibt Mossbourne regelmäßig Topnoten. Gerade mal 180 Plätze hat die Schule, die Zahl der Bewerber ist sechsmal so hoch. "Alle Eltern, mit denen ich spreche, sind überglücklich, dass ihre Kinder auf der Mossbourne sind", sagt Rukhsana Shafi, die seit 15 Jahren in Hackney lebt und ihre zwölfjährige Tochter an die Akademie schickt. "Mein Sohn geht auf eine Gesamtschule um die Ecke. Der Unterschied könnte nicht größer sein."
Dennoch ist Blairs Reformprojekt umstritten. "Jeder, der das Geld in der Tasche hat, kann Kontrolle über junge Menschen ausüben", klagt etwa eine Sprecherin der Lehrergewerkschaft NUT. "Wir geben die schulische Entwicklung unserer Kinder in die Hände von Menschen, die oft keine Ahnung von Bildung haben." So sehen das auch viele Elternverbände und eine ganze Reihe von Blairs Labour-Kollegen. Sie befürchten eine Privatisierung durch die Hintertür, vor allem wenn die Akademien von großen Banken Finanzspritzen bekommen. Die Bridge Academy, die nur wenige Minuten von der Mossbourne entfernt gebaut wird, ist so eine - gesponsert von der Investmentbank UBS. Die Sorge: Millionenschwere Banken verfolgen zu sehr eigene Interessen und versuchen, sich auf diese Weise ihren Nachwuchs heranzuzüchten.
Auch von der Qualität der Akademien sind längst nicht alle überzeugt. "Die Schulen schneiden viel weniger gut ab, als die Regierung behauptet", schimpft Sarah Teather, Bildungssprecherin der Liberaldemokraten. "Hier werden Milliarden in ein Versuchsprojekt gesteckt, das sich noch nicht bewehrt hat." Eine Studie der Universität von Edinburg kommt sogar zu dem Ergebnis, dass die Akademien kaum besser seien als ihre Vorgängerschulen.
Ungeachtet der Kritik wollen sowohl Blairs Nachfolger Gordon Brown als auch die Konservativen den Weg weitergehen. 200 neue Akademien sollen bis 2010 eröffnen. Und James? Er will mal Jura studieren, wenn er groß ist. Mutter Shiach ist sich sicher: "Diese Schule bereitet ihn bestens auf eine erfolgreiche Zukunft vor."