FTD.de » Politik » Europa » High Noon in Euroland

Merken   Drucken   15.05.2010, 09:20 Schriftgröße: AAA

Agenda: High Noon in Euroland

Nach dramatischen Verhandlungen schnürten die Euro-Länder am Wochenende das größte Hilfspaket der Geschichte, um ihre strauchelnde Währung zu retten. Ein Protokoll der entscheidenden Stunden. von Mark Schrörs  , Mareike Scheffer  , André Kühnlenz  , Timo Pache, Andreas Theyssen  , Claudia Kade  und Peter Ehrlich 
Erschöpft sitzt der Bundestagsabgeordnete in der Limousine des Fahrdiensts auf dem Weg zum Berliner Flughafen Tegel. Viele Tage hat er an dem Rettungspaket für Griechenland gearbeitet, nun will er nach Hause zu Frau und Kindern. Es ist Freitagnachmittag, 15.30 Uhr. Zuvor hat der Bundestag nach einer hitzigen Debatte die Griechenhilfen beschlossen, 22,4 Mrd. Euro muss Deutschland bis 2012 bereitstellen, um das Mittelmeerland vor der Pleite zu retten. Nun keimt Hoffnung auf, denn das Paket ist groß und müsste die Märkte beruhigen.
Doch was passiert, wenn auch Portugal und Spanien in den Strudel der Spekulationen geraten? "Dann", sagt der Abgeordnete und schnauft, "dann ist es aus. Dann sind wir im Arsch." Wieder eine Pause. "Dann sind wir im Arsch, ich kann es nicht anders sagen." Der Mercedes hat Tegel erreicht. "Ich flieg jetzt nach Hause", sagt der Abgeordnete, "schönes Wochenende."
Es ist der Nachmittag vor dem Treffen, das über den Fortbestand der Währungsunion entscheidet - oder ihren Untergang. Die Kernschmelze des Weltfinanzsystems, vergleichbar nur mit der Lehman-Pleite zuvor, zeichnet sich deutlich ab. In einer denkwürdigen Telefonkonferenz der Finanzminister und Notenbankchefs der G7-Staaten wird Alarm geschlagen. Die Notenbanker, die das Marktgeschehen im Minutentakt verfolgen können, berichten von Problemen. Am Geldmarkt kommt es zu Engpässen unter anderem bei der Versorgung mit Dollar. Der Handel mit europäischen Staatsanleihen bricht Land für Land ein. Der Euro verliert Tag für Tag mindestens einen Cent zum Dollar. US-Finanzminister Timothy Geithner  drängt die Europäer, klare Zeichen zu setzen.
Unverkäuflich, kostspielig, liquide   Unverkäuflich, kostspielig, liquide
Dazu ist schon am Abend Gelegenheit. Die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone treffen sich zum Abendessen in Brüssel. Eigentlich wollen sie die Griechen-Rettungsaktion abschließen und ein wenig über künftige Einsparungen und Haushaltskontrollen reden. Als Kanzlerin Angela Merkel gegen 18 Uhr im Brüsseler Ratsgebäude eintrifft, hat man sie aber über die prekäre Lage der Euro-Zone schon aufgeklärt. Andere Regierungschefs sind noch ahnungslos. "Wieso, wir wollten doch nur über Griechenland reden", sagt einer von ihnen überrascht. Es wird ein Wochenende der Krisennächte.
Verschwörungen und Verwerfungen
Politiker sind Freund-Feind-Denken gewohnt. Merkel spricht schon am Donnerstag von "Attacken gegen den Euro". Jean-Claude Juncker aus Luxemburg und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy  greifen die Formulierung am Freitag auf. Immer wieder heißt es, große ausländische Fondsgesellschaften hätten sich untereinander abgesprochen und wollten Montagmorgen Eurobonds und Aktien im Umfang von mehreren Billionen Euro verkaufen. "Das ist eine Form der modernen Kriegsführung", sagt einer aus der Berliner Koalition.
Aber gibt es diese finsteren Gesellen wirklich? "Spekulative Attacke? Das Wort allein ist doch schon ein Kuriosum", sagt Tim Brunne, Kapitalmarktexperte bei Unicredit . "Die Entwicklung reflektiert doch eindeutig die fundamentalen Schwierigkeiten in den südlichen Ländern der Euro-Zone." Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, räumt zwar "Attacken auf einzelne Länder des Euro-Gebiets" ein. Diese kämen von "anonymen Marktkräften". Nicht anonym sind dagegen die Vertreter großer Hedge-Fonds, die bei einem Treffen in New York vereinbart haben sollen, auf einen fallenden Euro zu setzen. Dorothea Huttanus, Chef-Devisen- und -Geldmarktanalystin der DZ Bank , glaubt, dass es das Treffen gegeben hat. Aber ein "gezielter spekulativer Angriff auf den Euro ist heutzutage gar nicht möglich". Die Devisenmarktumsätze liegen allein bei Tauschgeschäften zwischen Euro und Dollar bei 1000 Mrd. $ am Tag, da können Hedge-Fonds nicht wirklich den Markt beeinflussen.

Teil 2: Der europäische Bondmarkt ist keiner mehr

  • Aus der FTD vom 15.05.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Lawrow-Visite in Damaskus: Hurra der syrischen Hofschranzen

    Auf seinen umjubelten Empfang in Damaskus darf sich Sergej Lawrow nichts einbilden. Es waren Assads Hofschranzen, die dem russischen Außenminister Dankeshymnen entgegenbrachten. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

FTD-Wirtschaftswunder
Wirtschaftswunder - Alles über Konjunktur und Economics
Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote