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  27.04.2008, 20:41    

Agenda: Irland droht der Absturz

Dossier Mithilfe von EU-Subventionen stieg Irland vom Armenhaus zum europäischen Tigerstaat auf. Nun droht ein jäher Absturz. Damit können sich die Iren jedoch nur schwer abfinden.

von Andre Tauber (Collinstown)
Als sich der Platz vor dem Pub füllt, da weiß Ursula Cahill, dass etwas Außergewöhnliches passiert sein muss. Das ist in Collinstown, einem Weiler im Niemandsland 100 Kilometer von Dublin gelegen, nur selten der Fall. An diesem Aprilmontag kommen die Arbeiter der einzigen großen Fabrik der Region viel zu früh von ihrer Schicht zurück. Die Wirtin rennt nach draußen und hört: Der Automobilzulieferer Iralco lässt Insolvenz prüfen. Es ist für sie, als hätte das Herz von Collinstown aufgehört zu schlagen.
Dem Antrag ging ein heftiger Lohnstreit zwischen Geschäftsführung und Belegschaft voraus. Die Arbeiter wollten nicht glauben, dass sich die Produktion bei den hohen Arbeitskosten nicht mehr lohne, klagt der Gesellschafter Jürgen Marl. Dabei habe er mit jedem einzelnen über den Ernst der Lage gesprochen. "Die Leute sind es gewohnt, dass die Firma seit 40 Jahren gut läuft", sagt Tom Rogers, der Insolvenzverwalter, der nun nach einem neuen Investor sucht. "Da dachten sie offenbar, es könnte immer so weitergehen."
Irland wird gerade aus einem Traum gerissen. Der Wirtschaftsboom, den das Land in den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebte, hat ein abruptes Ende gefunden. Und damit auch die Erwartung, es werde den Menschen immer besser gehen.
Wegen überhöhter Lohnforderungen der Belegschaft meldete Jürgen ...   Wegen überhöhter Lohnforderungen der Belegschaft meldete Jürgen Marl, Gesellschafter des Autozulieferers Iralco in Collingstown, Insolvenz an
Nicht nur bei Iralco wird gekürzt, überall im Land streichen die Unternehmen Stellen. Die Wirtschaft leidet unter der sinkenden Wettbewerbsfähigkeit der verarbeitenden Industrie, vor allem macht ihr der starke Euro zu schaffen. Denn er erschwert den Export in die wichtigsten Märkte Großbritannien und USA. Die Immobilienkrise würgt die Nachfrage zusätzlich ab.
"Wir steuern auf ein Nullwachstum zu"
Das schlägt sich längst auch in den Wachstumsprognosen nieder. Die Zentralbank korrigierte ihre Vorhersage deutlich nach unten. Sie erwartet für 2008 nur noch rund 2,4 Prozent Wachstum, nach 5,3 Prozent im Vorjahr. Das Dubliner Wirtschaftsinstitut Esri geht sogar von mageren von 1,8 Prozent aus. Der Ökonom Alan Ahearne von der National University of Ireland in Galway hält selbst diese Zahlen noch für zu optimistisch. "Wir steuern auf ein Nullwachstum zu", fürchtet er.
Patricia Callan, Chefin der Vereinigung der kleinen Betriebe SFA, warnt vor Schönfärberei: Irland müsse akzeptieren, dass die Insel eine "wettbewerbsunfähige, kostenintensive Wirtschaft geworden ist, die in unruhigen internationalen Gewässern treibt". Eine Wahrnehmung, die bei vielen Iren längst nicht angekommen ist. Sie leben nach wie vor im Rausch eines ewig währenden Aufschwungs.
Die Geschichte vom Wirtschaftswunder ist mittlerweile Teil des Erbguts der Iren. Sie wird heute an Schulen und Universitäten gelehrt. Anfang der 80er-Jahre lockte die Grüne Insel mit niedrigen Löhnen und Steuern zahlreiche ausländische Firmen an. US-Unternehmen wie Intel, Apple und Microsoft oder Finanzdienstleister bauten ihre Fabriken und Filialen auf. Es waren diese Direktinvestitionen, die das Wachstum antrieben. Und mit Strukturmitteln der Europäischen Gemeinschaft, der Irland seit 1973 angehört, wurden Autobahnen, Gewerbegebiete und schnelle Datennetze geschaffen. Insgesamt flossen 17 Mrd. Euro aus Brüssel nach Irland.

Teil 2: Strukturprobleme zeichnen sich seit langem ab

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    © 2008 Financial Times Deutschland
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