FTD.de » Politik » Europa » Islamfeindliches Video entpuppt sich als Fehlzündung

Merken   Drucken   30.03.2008, 20:27 Schriftgröße: AAA

Agenda: Islamfeindliches Video entpuppt sich als Fehlzündung

Groß war die Angst vor diesem Film. Doch die angekündigte Attacke gegen den Islam ist vorerst verpufft. Wie der Rechtsradikale Geert Wilders es schaffte, mit einer Stümperarbeit die Welt zu erschrecken. von Elisabeth Atzler (Amsterdam) und Claus Hecking (Hamburg)
Es ist ein niederträchtiges Filmchen", sagt Ahmed Marcouch. "Aber hier ist alles ruhig. Gemütlich sogar." Der Bürgermeister des Amsterdamer Migrantenviertels Slotervaart ist erleichtert. Monatelang hat er um seinen Stadtteil gebangt, Ausschreitungen befürchtet, nachdem der Rechtspopulist Geert Wilders angekündigt hatte, mit seinem Koranfilm "Fitna" die Niederlande aufzurütteln. Jetzt steht der Streifen im Internet, und von Gewalt ist in Slotervaart keine Spur. "Viele junge Leute hier haben gefragt: ,Ist das alles?‘", erzählt der marokkanischstämmige Marcouch, "und dann haben sie weitergezappt."
Ist das alles? Am Donnerstagabend, als Wilders "Fitna" ins Netz stellte, klickten Hunderttausende gleichzeitig auf das Portal Liveleak. Das Innenministerium versetzte die Polizei in Alarmbereitschaft. Die niederländischen Botschaften in islamischen Staaten holten vorbereitete Notfallpläne zur Evakuierung ihrer Bürger aus der Schublade.
Viel Hype um nichts. "Fitna" hat sich als stümperhaftes Bastelwerk eines Hobbyfilmemachers entpuppt: ein 15-minütiger Zusammenschnitt aus Bildern großer Terroranschläge und Rezitationen einiger Koranverse. Ein Amateurfilmchen, handwerklich von mieser Qualität, inhaltlich ohne Gehalt.
Provokateur aus Prinzip
Und doch reichte allein die Ankündigung dieses Streifens, um das Land in Angst und Schrecken zu versetzen und die Regierung dazu zu bewegen, die zweithöchste Terrorwarnstufe auszurufen. Weil die Niederländer fürchten, ihnen könne es ergehen wie den Dänen, deren Botschaften gestürmt wurden, nachdem eine Zeitung Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlichte. Weil sich Parallelen zur Ermordung des Regisseurs Theo van Gogh aufdrängen. Und vor allem, weil Wilders eine außergewöhnliche PR-Kampagne um sein Werk gestrickt hat. "Wenn man mit so einem schlechten Film die Medien so auf Trab hält, dann ist das schon eine Leistung", sagt der Politologe Andre Krouwel über Wilders.
Der Mann aus dem Städtchen Venlo an der deutschen Grenze ist Provokateur aus Prinzip. So hat es der 44-Jährige auf eine Million Einträge bei der Suchmaschine Google gebracht - doppelt so viele wie Regierungschef Jan Peter Balkenende. Nicht schlecht für einen langjährigen Hinterbänkler, den Parlamentskollegen als "blonden Engel" verspotteten - wegen seines fahlgelben, mit Wasserstoffperoxid gefärbten, hochtoupierten Haarschopfs.
Die Vermarktung von "Fitna" ist Wilders' Meisterstück. Über Monate hinweg schaffte er es, die Aufmerksamkeit aufrechtzuhalten. Alles begann am 28. November 2007, als das Boulevardblatt "De Telegraaf" vermeldete, Wilders arbeite an einem kritischen Kurzfilm über den Koran. Zwei Tage später legte Wilders nach, nannte das heilige Buch des Islam eine Quelle für Mord und Intoleranz. Nun brannte die Lunte. Wilders zog sich zurück, überließ das Feld den Gegnern.
Syriens Großmufti machte den Rechtspopulisten bei einer Rede vor dem Europäischen Parlament für ein bevorstehendes Blutvergießen verantwortlich. Malaysias Botschafterin in den Niederlanden prophezeite "Dutzende Tote", Ministerpräsident Balkenende fürchtete um die öffentliche Ordnung.

Teil 2: Seit 2004 Polizeischutz

  • Aus der FTD vom 31.03.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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