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Merken   Drucken   10.02.2009, 19:18 Schriftgröße: AAA

Agenda: Islands neue Eiszeit

Kaum ein Land wurde von der Finanzkrise stärker getroffen als Island. Seitdem herrscht Chaos: Die Regierung wurde aus dem Amt gejagt, ein früherer Marxist ist Finanzminister - und mancher will am liebsten alle Banker einsperren. Ein Streifzug über eine verstörte Insel. von Arne Delfs (Reykjavik)
Ziehen Sie besser keinen Anzug an, wenn Sie nach Island kommen", werden Gäste vor dem Abflug gewarnt. "Das ist zurzeit gefährlich." Zumindest in der Ankunftshalle sieht noch alles friedlich aus. In dicke Wintermäntel verpackte Touristen durchstöbern den Duty-Free-Shop auf der Suche nach Schnäppchen.
Island, einst eines der teuersten Reiseländer der Welt, ist durch die Finanzkrise zum Billigziel geworden. Sogar einige Anzugträger sind zu sehen. Einer von ihnen hastet, während er in sein Handy flüstert, zum Flugschalter. Vielleicht ein Investmentbanker, der vor dem Volkszorn noch schnell auf die warmen Kaimaninseln flüchtet.
Banker sind derzeit nicht sonderlich beliebt in Island. Einst wurden sie gefeiert als "Utrasarvikingar", stürmische Wikinger, die ihren Vorfahren gleich auf Beutezug gingen auf den internationalen Finanzmärkten.
Mit waghalsigen Spekulationen bescherten sie der kleinen Insel am Polarkreis in kurzer Zeit ungeahnten Reichtum - bis im Oktober alles zusammenbrach. Seitdem gelten sie als Verbrecher, die mit ihrer Gier ein ganzes Land an den Rand des Abgrunds führten.
Blick auf Reykjavik, die Hauptstadt von Island   Blick auf Reykjavik, die Hauptstadt von Island
Die Krise. Sie durchdringt alles und jeden auf der Insel. Wie der eiskalte Polarwind, der die Menschen in diesem besonders düsteren Winter noch enger zusammenrücken lässt. Sie beherrscht die Gespräche, wenn die Isländer abends in ihren geliebten Hot-Tubs-Badezubern zusammensitzen und erzählen, wer heute wieder seinen Job verloren hat. Um danach in ihr neues Eigenheim zu fahren, an dem schon das "For Sale"-Schild im Wind baumelt.
"Wir hatten einfach zu viel Freiheiten", sagt Svala Georgsdottir. "Wir brauchen wieder Regeln und Gesetze." Die 30-jährige alleinerziehende Mutter hat gerade ihren Job bei der Stadt Reykjavik verloren. Wie viele ihrer Landsleute glaubt sie, dass das Heil nach den Jahren grenzenlosen Konsums in der Rückkehr zu Grundwerten liegt. "Wir brauchen wieder Moral", sagt Svala. Vorbei die Zeit der großen Partys: Bodenständigkeit statt Björk und Biergelage.
Wie unter einem Brennglas werden auf der Insel die Folgen der Finanzkrise sichtbar. Hier wird offenbar, was passiert, wenn ein System, das niemand verstand, von dem aber alle profitierten, über Nacht zusammenbricht. Wie diese Katastrophe das Leben jedes Einzelnen durchdringt und am Ende die ganze Gesellschaft ins Wanken bringt. Und wie die Suche nach den Ursachen in eine Hexenjagd mündet.

Teil 2: Von "Verbrechern" ist die Rede

  • Aus der FTD vom 11.02.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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