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FTD-Serie: Agenda

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Merken   Drucken   15.08.2012, 20:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Jäger und Sünder  

Steuerfahnder aus Nordrhein-Westfalen kaufen Steuer-CDs im Akkord, versetzen Geldinstitute und Steuersünder in Panik. Die Schweiz wittert ein politisches Komplott. Doch wie laufen die Daten-Deals wirklich? Interne Dokumente liefern Einblicke in die Schattenwelt.
© Bild: 2012 DPA/Oliver Berg
Premium Steuerfahnder aus Nordrhein-Westfalen kaufen Steuer-CDs im Akkord, versetzen Geldinstitute und Steuersünder in Panik. Die Schweiz wittert ein politisches Komplott. Doch wie laufen die Daten-Deals wirklich? Interne Dokumente liefern Einblicke in die Schattenwelt.
von Hamburg

Carlo Bulletti ist ein Mann mit feinen Gesichtszügen und dunklen Augen. Vor der Kamera lächelt er milde, strahlt Güte aus. Doch wenn es um das Heil der Schweiz geht, kennt er kein Pardon. Der Oberstaatsanwalt der Bundesanwaltschaft in Bern ist ein erbarmungsloser Ermittler. Ganz oben auf seiner "Most wanted"-Liste stehen derzeit drei Männer. Keine Gewaltverbrecher, sondern deutsche Beamte: Steuerfahnder aus Nordrhein-Westfalen.

Die Anklage klingt wie aus Zeiten des Kalten Krieges. "Gehilfenschaft zum wirtschaftlichen Nachrichtendienst" wird den deutschen Beamten vorgeworfen. Und "Verletzung des Bankgeheimnisses". Es geht - natürlich - um eine Steuer-CD, um den bislang größten Coup gegen eine Schweizer Bank. Für 2,5 Mio. Euro hatte Nordrhein-Westfalen im März 2010 Daten von 1107 deutschen Kunden der Credit Suisse  gekauft. Hunderte Steuerstrafverfahren wurden daraufhin eingeleitet - auch gegen Mitarbeiter der Bank wegen Beihilfe.

Die Jagd auf die deutschen Fahnder zeigt, wie ernst die Schweiz die Ankäufe nimmt. Es geht nicht nur um die Reputation einzelner Bankhäuser, sondern um das Geschäftsmodell der bedeutendsten Unternehmen des Landes.

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Nach Julius Bär , Credit Suisse und Coutts ist nun auch die UBS  betroffen. Mit den kürzlich angekauften Daten der größten Schweizer Bank glauben die Fahnder belegen zu können, wie die UBS-Banker deutschen Kunden beim Verstecken ihres Schwarzgelds helfen. Die Spur führt bis nach Singapur. Den jüngsten Deal haben wie schon im Fall von Credit Suisse Steuerfahnder aus Wuppertal eingefädelt. Sie haben sich von den Haftbefehlen gegen drei ihrer Topleute nicht abschrecken lassen.

Die Schweizer Staatsanwälte verdächtigen die deutschen Fahnder, Steuer-CDs nicht nur angekauft zu haben, sondern an deren Beschaffung aktiv beteiligt gewesen zu sein. Oberstaatsanwalt Bulletti glaubt Beweise dafür zu haben, dass die Fahnder ihre Informanten zum Datendiebstahl anstifteten. Deshalb hat er Haftbefehl gegen die drei Beamten aus Wuppertal und Düsseldorf erlassen und ein internationales Rechtshilfeersuchen gestellt.

Bei seinen Ermittlungen kann Bulletti auf interne Unterlagen der Steuerfahnder aus Deutschland zurückgreifen. Die waren durch einen Fehler der deutschen Staatsanwälte im Verfahren gegen mutmaßliche Steuerhinterzieher für deren Anwälte in der Handakte einsehbar. Details, die niemals hätten bekannt werden dürfen, landeten schließlich in der Schweiz. Die Dokumente, in denen auch die Namen der Fahnder auftauchen, waren Grundlage für den Haftbefehl. Der FTD liegen diese Unterlagen vor, ebenso wie die Haftbefehle gegen die Beamten.

Danach haftet der Anbahnung bei den Datendeals durchaus die Aura von Spionagefilmen an: geheime Treffen an wechselnden Orten, Geld gegen Informationen, Codenamen, falsche Identitäten. Nur wenige Personen sind involviert. Verschwiegenheit ist oberstes Gebot. Die Dokumente bieten Einblicke in die Arbeit der Fahnder und belegen, wie leicht Datendiebe es haben, eine Großbank zu überlisten - trotz ausgeklügelter Sicherheitssysteme.

Die Geschichte beginnt im Jahr 2007. Aus "historischem Interesse an der Nazizeit" beginnt der Credit-Suisse-Banker Sina L., in den bankinternen Kundenberatersystemen "Host" und "Frontnet" über deutsche Kunden zu recherchieren. Das sagt er später gegenüber der Schweizer Staatsanwaltschaft aus. Sina L., 1983 in Teheran geboren, fühlt sich im Job unterfordert. Er habe viel Zeit für seine Recherche gehabt. Und niemandem sei das aufgefallen.

Dabei rühmte sich Credit Suisse - wie auch jetzt die UBS - eines raffinierten Sicherheitssystems, das Datendiebstähle unmöglich machen soll. Programme registrieren große Abflüsse von Daten, halten fest, wer wann welche Informationen runterlädt. Doch Sina L. umgeht die IT-Sicherheit, wohl unbewusst, indem er seine Rechercheresultate vom Monitor auf Papier abschreibt oder Bildschirmausdrucke erstellt. Beinahe täglich nimmt er einzelne Seiten seiner Aufzeichnungen mit nach Hause.

Bis zu einem Tag Ende 2007. Nach der Arbeit trainiert Sina L. in einem Fitnessstudio in Winterthur. Er vergisst dort seine Aktentasche mit einigen Kundendaten. Der Grafiker Wolfgang U., ein Österreicher mit Wohnsitz in der Schweiz, trainiert im gleichen Studio. Er findet die Tasche und schaut sich deren Inhalt an. Wenige Tage später spricht er Sina L. nach dem Training an und bekundet Interesse an vermögenden, deutschen Kunden. Die Daten will er zu Geld machen, Sina L. soll seinen Anteil erhalten. Der Bankangestellte ist angefixt. Schon am nächsten Tag beginnt er mit seinen Recherchen.

Während des Jahres 2008 liefert Sina L. dann kontinuierlich an Wolfgang U., übergibt handschriftliche Notizen im Fitnesscenter. Der Deal: Pro 100 Mio. Schweizer Franken gemeldetes Vermögen bekommt Sina L. 1000 Franken. Insgesamt will er Daten über 1,8 bis 2 Mrd. Franken zusammengestellt haben. Er könne sich an einen Kunden mit 26 Mio. Franken im Depot erinnern - das habe ihm 250 Franken eingebracht, sagt er später den Ermittlern.

Wolfgang U. hat es eilig, die Daten zu vergolden. Ein erstes Treffen mit den Fahndern findet bereits im März 2008 statt. Im Internet hat er sich zuvor über den liechtensteinischen Datendieb Heinrich Kieber informiert. Kieber hatte bei der LGT Bank hochbrisante Daten über deutsche Stiftungen entwendet. Fahnder aus Wuppertal werteten sie aus. Wolfgang U. wendet sich an die gleiche Steuerfahndung. Drei Monate nach dem ersten Treffen übergibt er einen USB-Stick mit Probefällen.

Doch das reicht den deutschen Fahndern nicht, davon ist Oberstaatsanwalt Bulletti überzeugt. Zwar besteht die Excel-Tabelle auf dem Stick aus Kontonummern, Namen, Adressen, Geburtsdaten und Anlagesummen. Doch die Fahnder sind auch an den Kontoeröffnungsdaten interessiert und fordern diese anscheinend nach. Das wäre eine Anstiftung zu einer Straftat. Bulletti stützt sich auf Aussagen von Sina L. und eine SMS, die Wolfgang U. ihm am 21. Juli 2008 schickte. Darin verlangt er die "Eintrittsdaten der Typen der Paninibilder" "Hier handelt es sich gemäß Geständnis eindeutig um den Auftrag, Kontoeröffnungsdaten zu beschaffen", heißt es in den Schweizer Akten.

Die deutschen Fahnder lassen sich Zeit mit dem Auswerten der Daten. Nach der Übergabe der Probefälle verstreicht fast ein Jahr, ehe es zum nächsten Treffen kommt. Ein gängiges Vorgehen, wie ein Beamter der FTD bestätigt. "Wir bekommen ständig neue Daten angeboten." Darunter seien aber auch gut gemachte Fälschungen von Trittbrettfahndern. Deshalb werde vor jedem CD-Kauf sorgfältig geprüft.

Im Mai 2009 geht der Datendeal in die zweite Runde. Wolfgang U. trifft die Fahnder in Stuttgart. Und wieder haben sie einen Wunsch. Sie vermerken das sogar später in ihren Unterlagen. Sie weisen auf einen "Mangel an Beihilfeaspekten" hin - also Unterlagen, die die Bank belasten.

Sina L. kann helfen. Er bestätigt später, "nach Unterlagen über die Betreuung von ausländischen Kunden gesucht zu haben" - offensichtlich der zweite Auftrag der Fahnder, der über Wolfgang U. an ihn weitergeleitet wurde. Im Intranet der Bank findet Sina L. mehrere Präsentationen, darunter ein Power-Point-Vortrag vom 4. Mai 2004, mit dem Bankberater auf den Umgang mit sogenannten NCAS-Kunden in Deutschland vorbereitet wurden. Das sind Kunden, die ihr Geld unter anderem deshalb in der Schweiz anlegen, weil sie das Vermögen sowie die Erträge daraus nicht versteuern wollen.

Mitte Juli 2009 liefert Wolfgang U. die Präsentation. In den kommenden Wochen und Monaten wird geschachert. Am 2. März 2010 können die Wuppertaler Fahnder der Staatsanwaltschaft Düsseldorf die verschlüsselte Haupttäterdatei übergeben. Ursprünglich soll Wolfgang U. 6,75 Mio. Euro verlangt haben, am Ende fließen 2,5 Mio. Euro. Doch die werden ihm zum Verhängnis.

Einen Teilbetrag von 893.660 Euro überweist ein deutscher Notar am 3. März 2010 auf ein Wertpapierverrechnungskonto, das Wolfgang U. zwei Tage zuvor bei der Dornbirner Sparkasse in Österreich eingerichtet hat. Als Verwendungszweck gibt der Notar "Erbschaft gemäß Aufteilungsvereinbarung" an. Die Sparkasse ist skeptisch, stellt eine Verdachtsanzeige wegen Geldwäsche. Die österreichischen Behörden kontaktieren den Notar, der wiederum eine Bestätigung der Oberfinanzdirektion Rheinland vorlegt, die besagt, dass die Summe "einer vertraglichen Verpflichtung des Landes Nordrhein-Westfalen" diene. Weil Wolfgang U. in der Schweiz lebt, informieren die Österreicher die dortigen Behörden, dass er womöglich mit dem Verkauf illegal erlangter Bankdaten in Verbindung stehen könnte.

Die Polizei rückt aus, durchsucht die Wohnung von Wolfgang U. Sie findet Daten von Credit-Suisse-Kunden sowie SMS und Mails. Die Nummern lassen sich der Steuerfahndung Wuppertal zuordnen. Und sie finden weitere Konten. Für zwei Konten, auf die Geld aus Nordrhein-Westfalen geflossen ist, hat Sina L. Vollmachten. So kommen die Ermittler dem Credit-Suisse-Mitarbeiter auf die Schliche.

Sina L. legt ein vollumfängliches Geständnis ab. Im Dezember 2011 wird er vom Bundesstrafgericht in Bellinzona zu zwei Jahren auf Bewährung und einer Geldbuße von 3500 Franken verurteilt. Oberstaatsanwalt Bulletti begründet das milde Urteil mit dem Geständnis. Er hat längst ganz andere Täter im Visier: die Fahnder aus Nordrhein-Westfalen.

Wolfgang U. kann zur Aufklärung des Falls nicht mehr beitragen. In den Unterlagen der Bundesanwaltschaft heißt es knapp: "Wolfgang U. beging in der Nacht vom 28./29.09.2010 in seiner Zelle im Regionalgefängnis von Bern Suizid." Es soll sich mit dem Kabel seines Fernsehers erdrosselt haben.

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  • Aus der FTD vom 16.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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