Merken
Drucken
18.02.2009, 20:24
Schriftgröße: AAA
Agenda:
Krampfader Ostseepipeline
Dossier
Seit Jahren tobt ein Streit um die Ostseepipeline. Nun stockt das Megaprojekt, das Deutschland zuverlässig mit russischem Gas versorgen soll. Die Gegner blockieren, wo sie können - und treiben ihre eigenen Pläne voran.
von Wolfgang Proissl (Brüssel), Claus Hecking (Mukran) und Hubert Wetzel (Berlin)
Detlef Unger hat einiges gesehen in zehn Jahren als Funkoffizier auf hoher See: Fischschwärme vor Westafrika, gewaltige Schneestürme in der Barentssee, meterdicke Eisschichten auf dem Deck seines Trawlers. Doch kein Naturphänomen hat den Marketingchef des Fährhafens Sassnitz-Mukran je so beeindruckt wie die Wälle aus Metall, die sich rund um sein Bürogebäude auftürmen. "Wir sind stolz und glücklich, dass sie hier sind", sagt der 55-Jährige.
Sie, das sind 22.000 Rohre: je zwölf Meter lang, 1,15 Meter dick und zehn bis zwölf Tonnen schwer, die sich zurzeit in und um Rügens größten Hafen stapeln. 240.000.000 Kilogramm Edelstahl, die darauf warten, mit einer Antikorrosionsschicht ummantelt und zusammengeschweißt zu werden - zur Ostseepipeline, dem kontroversesten Bauvorhaben Europas. Jener Erdgasleitung von Russland nach Deutschland, über welche die Mächtigen in Brüssel und Berlin seit so vielen Jahren streiten.
In Mukran herrscht Ruhe. Ein Lkw-Fahrer mit rotgeränderten Augen harrt der Fähre nach Schweden, Möwen kreisen über der Fischfabrik im Hafen. An den stählernen Scheiterhaufen daneben rührt sich gar nichts. "Vor ein paar Wochen kamen täglich zwei oder drei Güterzüge voller Rohre an", sagt Unger, "jetzt kommt an manchen Tagen keiner mehr." Hinter seinem Büro werkeln ein paar Arbeiter am Dach des Ummantelungswerks. Die Fabrik sollte im November die Produktion aufnehmen; nun geht es frühestens im März los. Aber eilig hat es offenbar niemand. "In dem Projekt ist gerade kein Druck", sagt Unger. "Es ist ja nicht so, dass vor der Küste ein Verlegeschiff dringend auf die Rohre wartet."
Ein Teilstück der zukünftigen Ostsee-Gaspipeline von Russland nach Deutschland in Babajew
Dabei sollten jene Spezialschiffe längst durch die Ostsee kreuzen, die Segmente auf dem Meeresgrund verlegen. Für den Sommer 2008 hatte das Betreiberkonsortium Nord Stream um den russischen Staatsmonopolisten
Gazprom ,
Eon Ruhrgas und Wintershall den Baustart anvisiert. Und danach Stück für Stück aufgeschoben.
Nun soll es Anfang 2010 losgehen, damit Ende 2011 Gas strömen kann: 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr sollen es einmal sein, fast 60 Prozent des deutschen Verbrauchs. Doch derzeit scheint selbst 2010 illusorisch.
Der Ostseepipeline drohen neue Verzögerungen. Innerhalb der EU tobt ein Glaubenskampf. Der jüngste Gaskonflikt zwischen Russland und der Ukraine hat keinen Konsens für das Megaprojekt geschaffen - im Gegenteil: Der Streit in Brüssel eskaliert.
Teil 2: Männerfreundschaft Schröder-Putin
-
Aus der FTD vom 19.02.2009
© 2009 Financial Times Deutschland,
Bookmarken
Drucken
Senden
Leserbrief schreiben
Fehler melden