Bundeskanzlerin Angela Merkel
"Enschela Mörkel" hört man aus der einen Ecke, "Onschela Merkell" aus einer anderen. Wo immer am Freitag im Brüsseler EU-Ratsgebäude über den Gipfel gesprochen wird, fällt der Name der Deutschen. Er wird in vielen Sprachen ausgesprochen, aber die Botschaft ist stets die gleiche: Die Kanzlerin hat den Gipfel dominiert.
"Sie hat hier alle beeindruckt", sagt Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker über den ersten EU-Gipfel der Deutschen. Auch die Presse lobt: "Viel Geschick und Geist", bescheinigt ihr die italienische "La Repubblica"; und "El País" (Madrid) schreibt: "Merkel triumphierte. Sie wartete mit einem ganzen Reservoir an diplomatischen Fähigkeiten auf. Sie lieferte die Formel, die zur Einigung führte." Die Kanzlerin hat in der EU eine Führungsrolle übernommen. Sie wird sich noch verstärken, wenn bald Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Englands Premier Tony Blair abtreten.
Den Grundstein für den Erfolg legte die Kanzlerin kurz vor dem Gipfelstart am Donnerstagabend. Sie trifft die Streithähne Chirac und Blair zum Vorgespräch. Viel steht auf dem Spiel. Zuerst einmal geht es um den EU-Haushalt, die Verteilung von 862 Mrd. Euro. Aber gleichzeitig geht es um den Ruf Europas. Nur nicht noch mal ein Eklat wie vor einem halben Jahr, als Blair und Chirac im Streit auseinander gingen, als der Gipfel in Luxemburg scheiterte.
Vergessen ist das noch nicht. Am Abend des ersten Gipfeltags zweifelt Merkel noch am Erfolg. Die Stimmung beim Abendessen war schlecht, Blair fast isoliert. Auch am Freitag sitzt sie noch zweifelnd im Hotel "Amigo" in der Brüsseler Innenstadt.
Schon Nebensächlichkeiten des Gipfels münden in großes Gezicke. So machen sich einige Delegationen über die Briten lustig, die als Ratspräsidenten Gastgeber sind. Ungenießbar sei das Essen - typisch England. Und dass sie einen auch noch mit englischem Wein quälen müssen! Als ein kaltes Büfett aufgefahren wird, regt sich Chirac derart über die Sandwiches auf, dass er kurzerhand zum Essen in die Stadt fährt. Auch Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat seinen Auftritt, beklagt sich theatralisch, sein Land werde schlecht behandelt. Er will mehr Geld.
Angela Merkel lässt sich von dem Getue nicht ablenken. Sie hängt sich rein und arbeitet, was ihr gleich die Sympathie vieler Delegierter einbringt. "Merkel ist sehr engagiert und gut eingearbeitet", sagt Portugals Staatssekretär Fernando d'Olivera Neves.
Während die Briten gelegentlich ihre Vorschläge falsch berechnen, sind die Deutschen stets gut präpariert, die Chefin vorneweg. "Merkel kann die Details der Einnahme- und der Ausgabenseite besser auseinander halten als Finanzminister Peer Steinbrück", sagt einer aus der deutschen Delegation. Die große Koalition funktioniert ebenfalls, Frank-Walter Steinmeier (SPD) sitzt neben der Kanzlerin, als sei er schon lange ihr Vertrauter.