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Merken   Drucken   18.07.2007, 19:57 Schriftgröße: AAA

Agenda: Maltas große Flüchtlingskrise

Malta ruft um Hilfe: Der Inselstaat im Mittelmeer kann den Ansturm afrikanischer Flüchtlinge kaum noch verkraften. In dem kleinen Land am Rande der Europäischen Union wächst jetzt der Fremdenhass. von Fidelius Schmid (Valetta)
Seinen Bruder und seine Mutter drückt Zacharia Edgoro noch einmal, bevor er sie im Tschad zurücklässt. Dann bricht er gen Norden auf. Er durchquert die Wüste nach Libyen, findet in einer Küstenstadt für mehr als 1000 $ einen Schlepper. Mit 28 Kameraden und einem Kompass sticht er in einer sechs Meter kurzen Nussschale in See. Mehr als 250 Kilometer weit kommt er, getrieben von einem Außenbordmotor mit kümmerlichen 40 PS. Dann sieht er Land.
Maltas Hauptstadt Valetta aus der Luft   Maltas Hauptstadt Valetta aus der Luft
Es dauert ein paar Augenblicke. Dann weiß der Afrikaner: Er hat es nicht geschafft. Vor ihm liegt nicht die italienische Insel Lampedusa und auch nicht die bergige Küste Siziliens, wo Zacharia eigentlich hinwill. Der Westwind und die Strömung im Südmittelmeer wollten es anders. Die Insel am Horizont ist Malta. 27 Kilometer lang, 14,5 Kilometer breit, einer der kleinsten Staaten Europas. Für Millionen Mittelmeertouristen ist Malta ein Traumziel.
Maltas Zuständigkeitsgebiet für in Seenot geratene Schiffe   Maltas Zuständigkeitsgebiet für in Seenot geratene Schiffe
Nicht aber für Zacharia und seine Gefährten. "Einige auf unserem Boot schrien vor Schreck: Malta!", erinnert sich der 30-jährige Flüchtling. Man hatte ihn und seine Kameraden in Libyen gewarnt. Dort gäbe es für Afrikaner keine Zukunft, die Menschen hassten die Fremden. "Wenn ihr in Malta landet, werdet ihr eingesperrt. Die wollen euch dort nicht, und weg kommt ihr von dort auch nicht", hieß es.
Genau das ist damals, im Juni 2005, auch eingetreten. Maltas Streitkräfte griffen Zacharia auf, sperrten ihn in ein geschlossenes Flüchtlingslager. Fast zwei Jahre lang.
Rund 7000 Flüchtlinge sind seit 2002 auf Malta angekommen, die meisten aus Somalia, dem Sudan, Eritrea und Nigeria. Zu viel für eine dicht besiedelte Insel, auf der sich 400.000 Einwohner 316 Quadratkilometer Landfläche teilen. 1780 Flüchtlinge letztes Jahr in Malta, das ist, als ob mehrere Hunderttausend in Deutschland gelandet wären, rechnen die Malteser vor.
Das kleine EU-Mitglied ist überfordert, hat die Union auf die dramatische Lage aufmerksam gemacht. "Malta ist an vorderster Front an der Grenze zwischen Afrika und Europa. Immer mehr kommen hierher, wir haben riesige Probleme", klagt der maltesische Ministerpräsident Lawrence Gonzi. "Wir können unmöglich Unterkünfte und Bildungseinrichtungen für so viele Leute bereitstellen. Unser System steht unter Hochdruck."
Einfach weiterziehen lassen kann er die Flüchtlinge aber auch nicht. Seit 2004 ist Malta Mitglied der EU, für Flüchtlinge, die auf der Insel landen, heißt das: Sie bleiben erst einmal dort. Reisen sie in ein anderes EU-Land und werden dort aufgegriffen, schickt man sie wieder zurück. Der Regierung in Valetta aber fehlen das Geld und eine eigene Luftwaffe, um illegale Zuwanderer in ihre Heimatländer zurückzuschicken.
Malta ist seit Jahrhunderten eine Festung, die schon mehrfach überrannt wurde. Die Insel wurde von den Griechen, den Phöniziern, den Römern, den Arabern, den Normannen, den Byzantinern, den Malteser Rittern, den Franzosen und zuletzt von den Briten regiert. 1964 wurde Malta unabhängig. Derzeit kommen mehr als eine Million Touristen jährlich. Für den Fremdenverkehr veranstaltete Malta neulich eine Marketingkampagne. Die Botschaft: Wir sind gastfreundlich.

Teil 2: Warum die Flüchtlinge erst einmal bleiben

  • Aus der FTD vom 19.07.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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