Gordon Brown
Brown steht bereitParteiintern gilt Schatzkanzler Gordon Brown als vorzeigbarer Spitzenkandidat. Der ehrgeizige Schotte ließ im Herbst bei jeder Gelegenheit wissen, dass er möglichst bald Blairs Nachfolge antreten will. Aus der Diskussion um den Irak-Krieg hielt er sich weitgehend heraus, in der Diskussion um die Studiengebühren schweigt er.
Allerdings ist die Zeit nicht auf der Seite des Finanzexperten. Sein großzügiges Investitionsprogramm der vergangenen Jahre hat zwar die britische Wirtschaft angekurbelt, aber zugleich die Staatsverschuldung rapide auf mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts wachsen lassen. Schon heute genügt die Insel nicht mehr dem Maastricht-Kriterium. Bald wird der Schatzkanzler auf die Kostenbremse treten müssen. Seine Popularität in den hinteren Rängen der Labour-Fraktion dürfte dann rasch fallen.
Steht der Palastputsch also unmittelbar bevor? Noch gibt sich Blair nicht geschlagen. In der Frage der Studiengebühren hat er die besseren Argumente auf seiner Seite und beeindruckt damit auch die Experten der Opposition. Es sei doch nicht einzusehen, findet etwa der frühere konservative Wissenschafts-Staatssekretär Robert Jackson, warum schlecht verdienende Briten das Studium wohl situierter Mittelschichtkinder finanzieren sollten, die durch ihre Uni-Ausbildung im späteren Leben erheblich höhere Gehälter zu erwarten haben. Wie Jackson dürften auch andere Abgeordnete der Tories und Liberaldemokraten am Dienstag jedenfalls nicht gegen die Regierung stimmen.
Blair und sein Bildungsminister Charles Clarke nutzen die letzten Stunden bis zur Abstimmung, um schwankende Hinterbänkler auf ihre Seite zu ziehen. Dass der Premier Partei und Fraktion allzu lang links liegen ließ, rächt sich jetzt: Eine wachsende Gruppe von Parlamentariern - notorische Querulanten, desillusionierte Idealisten, Wichtigtuer und Enttäuschte - hält Disziplinlosigkeit offenbar für eine Tugend. "Gegen die Regierung zu stimmen ist zu einer Auszeichnung geworden und gilt nicht als Schande", beobachtet der Labour-nahe Kolumnist Andrew Rawnsley.
Viele Labour-Leute vermissen Zielstrebigkeit und eine klare Strategie im Handeln ihres Premiers. Gesundheitliche Probleme des 50-Jährigen lassen sie an seiner physischen Durchsetzungskraft zweifeln: Einer Herzrhythmusstörung, die während einer Vollnarkose behandelt werden musste, folgte wenige Wochen später eine Magenverstimmung, wegen der Blair abermals den Arzt konsultieren musste.