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Merken   Drucken   05.08.2012, 19:18 Schriftgröße: AAA

Amtswechsel in der Türkei: Erdogan baut seinen Nachfolger selbst auf

Der türkische Ministerpräsident Erdogan bereitet langfristig den Amtswechsel vor. Wirtschaftsprofessor Kurtulmus gilt als sein Alter Ego - und ist damit ein aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Regierungschefs.
von Markus Bernath, Istanbul

Erst hat er dementiert, dann war es die einfachste Sache der Welt. "Für eine neue Türkei sind wir in Gespräche eingetreten", erklärte Numan Kurtulmus nach einem Besuch beim türkischen Ministerpräsidenten. Kurtulmus, Chef der kleinen Partei der Volksstimme (HAS), hat wohl das große Los gezogen. Recep Tayyip Erdogan will ihn in die Regierungspartei lotsen. Der Islamist könnte nächster Vorsitzender der AKP sein, heißt es, gar Erdogans Nachfolger im Amt des Regierungschefs.

Als Wirtschaftsprofessor ist es Numan Kurtulmus gewohnt, Politik ...   Als Wirtschaftsprofessor ist es Numan Kurtulmus gewohnt, Politik mit wissenschaftlichen Aussagen zu belegen

Der türkische Ministerpräsident stellt die Weichen für den Verbleib der konservativ-muslimischen AKP an der Macht. Beim Parteitag im September lässt er sich noch einmal zum Vorsitzenden wählen, doch 2014 will Erdogan ins Amt des Staatspräsidenten wechseln. Dann muss der Nachfolger Partei und Regierung führen und Wahlkämpfe gewinnen. Kurtulmus, der Wirtschaftsprofessor mit den guten Manieren, könnte das sein, auch wenn lang gediente AKP-Politiker wie Vizeregierungschef Bülent Arinç und der stellvertretende Parteichef Hüseyin Çelik nun murren.

Denn bisher galt Ali Babacan, der Staatsminister für Wirtschaft und Architekt des spektakulären ökonomischen Aufschwungs, als heimlicher Anwärter auf das Amt des türkischen Regierungschefs. Für Erdogan war der 45-Jährige bis vor Kurzem ein guter Tandempartner: Babacan ist im Land wie international angesehen, aber ohne große Basis in der Partei, die er gegen Erdogan organisieren könnte. Doch seit dem Sieg bei den Parlamentswahlen vor einem Jahr sind zu viele Fehler passiert. Partei und Regierung wirken erschöpft.

Kurtulmus, 53, ist Erdogans Alter Ego: fünf Jahre jünger als der Regierungschef, wie dieser in Istanbul aufgewachsen und von der konservativen Schwarzmeerküste stammend - und aus demselben politischen Lager. Beide waren Ziehsöhne des Islamisten Necmettin Erbakan, der in den 90er-Jahren kurz regierte und dann von den Militärs von der Macht verdrängt wurde.

Erdogan brach 2000 mit Erbakan und gründete die reformorientierte AKP, Kurtulmus blieb bis 2010 beim Führer des doktrinären Islamismus und folgte dessen Linie: antiwestlich, antiisraelisch, gegen den EU-Beitritt der Türkei, die islamische Bourgeoisie der AKP kritisierend, deren Frauen Kopftücher von Hermès tragen.

Kurtulmus, viel ruhiger und höflicher auftretend als Erdogan, könnte der AKP nach Einschätzung politischer Beobachter einen neuen Anstrich geben, den sie nach zehn Jahren an der Macht gut gebrauchen kann - ein wenig mehr links, ein bisschen moralischer.

Sein Zugang zur Wirtschaft ist eher sozialwissenschaftlich: Der Wandel der Arbeitswelten ist seit seinem Ausflug an die Cornell Business School in New York Anfang der 90er-Jahre sein bevorzugtes Thema. An der Istanbuler Ticaret-Universität, der Hochschule der Handelskammer, hat er eine Professorenstelle.

Kurtulmus könnte nun vor allem das Problem lindern, dass sich die AKP-Politiker mit ihrem Parteistatut geschaffen haben: Mehr als drei auf-einanderfolgende Amtszeiten als Parlamentarier sind nicht erlaubt; ein Großteil von Erdogans Minister, die Mandate haben, und wichtige Abgeordnete der Partei müssen deshalb bei der nächsten Wahl 2015 aussetzen. Freie Bahn für Numan Kurtulmus.

  • Aus der FTD vom 06.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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