In Griechenland geht die Angst vor einem unkontrollierten Ansturm der Bevölkerung auf die Geldautomaten und -schalter der heimischen Banken um. Rund 700 Mio. Euro hätte Menschen des Landes in den vergangenen Tagen von den Banken des Landes abgehoben, sagte Zentralbankchef Giorgos Provopoulos laut einem Redemanuskript.
Staatspräsident Karolos Papoulias fürchtet, dass sich die Lage bis zu den vermutlich am 17. Juni stattfindenden Neuwahlen deutlich verschärft: "Provopoulos sagte mir, dass die Bevölkerung noch nicht in Panik ist, aber es grassiert große Angst und die könnte sich in Panik auswachsen."
Tatsächlich dürften die Geldhäuser des Landes einen "Bank Run" kaum überstehen: Ihnen fehlen Milliarden an Eigenkapital - schuld daran ist vor allem der erzwungene Schuldenschnitt auf griechische Staatsanleihen.
Der Anleihetausch hat allein die vier größten Banken NBG, EFG, Alpha und Piräus zusammen 28 Mrd. Euro gekostet. Hinzu kommt weiterer Kapitalbedarf, der sich aus Abschreibungen fauler Darlehen ergibt, weil viele Unternehmen im Zuge der Dauerrezession ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Landesweit gelten 15 bis 17 Prozent der Darlehen als ausfallgefährdet.
Am Dienstag war Papoulias mit dem Versuch gescheitert, die Vorsitzenden von fünf Parteien für eine Technokraten-Regierung zu gewinnen, die sich für den Verbleib Griechenlands in Euro-Land einsetzen sollte. Der Juni könne zu einem "Monat der Tragödie" für das Land werden, sagte der Staatspräsident. Damit bezog er sich auf einen Bericht der amtierenden Regierung, wonach Griechenland dringend eine neue arbeitsfähige Regierung benötigt, um einen Staatsbankrott abzuwenden. Ohne internationale Hilfen ist das Land Ende Juni pleite.
Das Risiko eines Ansturms auf die Banken "ist ein sehr ernstes Problem", sagte Yannis Ioannides, Volkswirtschaftsprofessor an der Tufts University in Massachusetts der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Europäische Zentralbank (EZB) müsse die Einlagen bei den Banken der Region garantieren, damit es nicht zu Ansteckungseffekten komme. "Das ist der einzige Weg, einen Ansturm auf die Banken abzuwürgen: Taten statt Worte."
Die EZB allerdings denkt derzeit offenbar gar nicht daran, im Gegenteil: Wie die niederländische Zeitung "Het Financieele Dagblad" berichtet, reduziert sie die die Liquiditätshilfen für griechische Banken, weil deren Rekapitalisierung nicht vorankomme.
Seit Ende Januar habe sich die Liquiditätshilfe von rund 73 Mrd. Euro mehr als halbiert, heißt es in dem Artikel ohne Angabe von Quellen. Die EZB werde weiter die Unterstützung zurückfahren, solange die Rekapitalisierung nicht stattfinde.
Theoretisch könnten Griechenlands Banken ihre Kapitalnot - die einen "Bank Run" so gefährlich macht und auf 20 Mrd. bis 30 Mrd. Euro geschätzt wird - lindern, indem sie den staatlichen Hellenischen Finanzstabilisierungsfonds (HFSF) anzapfen, der sich wiederum aus Mitteln aus dem Euro-Rettungsschirm EFSF speist. Insgesamt kann Griechenland für die Banken bis zu 50 Mrd. Euro aus dem EFSF abrufen, auch um kleinere Banken zu fusionieren oder abzuwickeln. 18 Mrd. Euro davon seien bereits auf ein Sonderkonto der griechischen Zentralbank (Bank of Greece) überwiesen worden, teilte die Regierung in Athen mit.
Zehn Prozent der benötigten Summe wollen die griechischen Banken aber auch bei privaten Kapitalgebern eintreiben - ein Unterfangen, was angesichts der politischen und wirtschaftlichen Instabilität des Landes aussichtslos erscheint. Das hatte kürzlich auch Apostolos Tamvakakis, der Chef des Marktführers NBG, gegenüber der FTD eingeräumt. "Im Moment sehen wir kaum Interesse aus dem Ausland. Es fehlt noch an Vertrauen", sagte Tamvakakis, dessen Bank 7 Mrd. bis 8 Mrd. Euro benötigt. Bis privates Kapital aufgetrieben werden kann, soll der HFSF die Banken mit Zwischenfinanzierungen über Wasser halten, die sich ebenfalls aus EFSF-Mitteln speisen. Ob die rechtzeitig fließen, und ob das dann reicht, wenn es zu einem "Bank Run" kommt, ist freilich höchst ungewiss.