Die hohe Arbeitslosigkeit in den Krisenstaaten Europas wird sich nach Ansicht von Experten zementieren. Nach Berechnungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die der FTD vorliegen, hat die Rezession verheerende Auswirkungen auf die dortigen Arbeitsmärkte. Selbst wenn sich die Konjunktur irgendwann wieder erholt, dürften die Erwerbslosenzahlen nicht mehr auf Vorkrisenniveau sinken.
Allein in Spanien lag die strukturelle Arbeitslosigkeit - also die Quote, aus der konjunkturelle Einflüsse herausgerechnet sind - zu Ende 2011 bei über 16 Prozent. Das ist rund ein Drittel höher als noch vor der Finanzkrise 2007 - und ein extrem hoher Wert. Griechenlands bereinigte Erwerbslosenrate liegt bei fast 13 Prozent, in den baltischen Staaten hat die Quote gar um die Hälfte zugelegt - auf über zwölf Prozent. Tendenz: überall steigend.
Damit stehen vor allem die Südländer der EU vor einem gewaltigen Problem: Ihre Staaten sind für Investoren inzwischen derart unattraktiv, dass sich in den kommenden Jahren kaum Besserung am Arbeitsmarkt ergeben wird. Hinzu kommen ein Bildungssystem, das im europäischen Vergleich nicht mithalten kann, und eine Bevölkerung, die ob der jahrelangen Krise resigniert hat. "Die Trendarbeitslosigkeit dürfte in den Euro-Krisenländern in der nahen Zukunft weiter steigen", sagte Ekkehard Ernst, Leiter der ILO-Prognoseabteilung, der FTD.
Die Berechnung der strukturellen Arbeitslosigkeit dient vor allem dazu, festzustellen, in welcher Verfassung der Arbeitsmarkt langfristig ist. Nach den jetzt vorgelegten Zahlen werden künftig weniger Menschen einen Job finden, selbst wenn die Volkswirtschaften wieder ähnlich stark wachsen wie vor 2007. "Die Finanzkrise belastet das Beschäftigungswachstum langfristig - sowohl was den Einbruch bei der Schaffung neuer Stellen während der Krisenjahre als auch die Erholung danach angeht", so Ernst.
Betroffen davon sind vor allem junge Menschen. In vielen südlichen Ländern sind zeitlich befristete Arbeitsverträge verbreitet, junge Beschäftigte können vergleichsweise schnell entlassen werden. Zugleich bekommen sie schlechter einen Zugang zum Arbeitsmarkt ihrer Heimatländer - er ist besetzt mit fest eingestellten, teilweise unkündbaren Alten.
Viele Ökonomen begrüßen daher den Vorstoß der EU-Kommission für eine Jobgarantie in der Euro-Zone. "Das ist ein wichtiger Weckruf - selbst wenn noch unklar ist, wie es umgesetzt wird", sagte Clemens Fuest, Ökonom an der Uni Oxford, der FTD.
Staatliche Intervention scheint heute dringender denn je: Nach Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) werden heute gut 20 Prozent weniger Stellen neu geschaffen als vor der globalen Krise. "Die hohe Arbeitslosigkeit ist heute das größte Problem in Europa", sagte Mark Keese, OECD-Arbeitsmarktexperte.
Vor allem die geringe Bereitschaft, in Europa zu investieren, bereitet den Experten Sorgen. Sie wirkt sich direkt auf das Beschäftigungswachstum aus. "Die hohe Arbeitslosigkeit kostet langfristig Wachstum und bedroht die soziale Sicherheit in Europa - wie wir ja in vielen Ländern Südeuropas schon erleben, wenn man sich die jüngsten Proteste ansieht", so Ernst. Erst im November kletterte die EU-Arbeitslosenquote auf 11,7 Prozent - ein neues Rekordhoch.