Auf den ersten Blick wirkt der Vorstoß geradezu illusorisch: Angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 50 Prozent in manchen Teilen des Kontinents will die Europäische Kommission EU-Mitglieder künftig dazu bringen, allen Menschen unter 25 Jahren eine Form von Beschäftigung zu garantieren.
Und das in einer Zeit, in der die größten Problemländer überall kürzen müssen, um ihre Haushalte in den Griff zu bekommen. Kein Wunder, dass so mancher Experte zunächst skeptisch reagiert: "Die Idee klingt in der Theorie gut - aber die Frage bleibt offen, wer diese Maßnahmen finanzieren und wie sie in der Praxis umgesetzt werden sollen", sagt Mark Keese, Leiter der Abteilung Arbeitsmarktpolitik bei der Pariser Industrieländerorganisation OECD.
Gleichzeitig sind sich Fachleute jedoch einig, dass die Rekordarbeitslosigkeit langfristig extrem gefährlich für das Wirtschaftswachstum in Europa ist - und sozialen Sprengstoff birgt. Im November stieg die Joblosenquote im Währungsraum auf ein neues Allzeithoch von 11,7 Prozent. Bei den jungen Menschen unter 25 Jahren ist fast jeder Vierte ohne Beschäftigung, die Erwerbslosenrate notiert inzwischen bei 23,9 Prozent. "Arbeitslosigkeit ist das Problem Nummer eins in Europa", sagt OECD-Experte Keese. "Vor allem die hohe Joblosenquote unter den jungen Menschen ist eine große Hypothek für die Zukunft", sagt Clemens Fuest, designierter Chef des Mannheimer Forschungsinstituts ZEW und Ökonom an der Uni Oxford.
Am Mittwoch will Sozialkommissar László Andor seinen Entwurf in Brüssel präsentieren, nach dem EU-Staaten ihren jugendlichen Arbeitslosen künftig binnen vier Monaten irgendeine Form von Beschäftigung garantieren sollen - sei es ein neuer Job, eine Ausbildung oder eine Fortbildung.
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Die Auswirkungen von Jugendarbeitslosigkeit sind in wissenschaftlichen Studien gut beschrieben: Haben junge Menschen gerade zu Beginn ihrer Laufbahn über mehrere Monate keine Beschäftigung, hat das häufig auch langfristige Effekte. "Die Betroffenen verdienen dann selbst bis zu 15 Jahre später noch teils deutlich weniger als Menschen, die in ihrer Jugend nicht arbeitslos waren", sagt Ekkehard Ernst, Chef der Prognoseabteilung bei der Internationalen Arbeitsorganisation ILO in Genf. Eine zusätzliche Gefahr: Junge Erwerbslose sind in ihrem späteren Berufsleben statistisch häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen.
Zwar lehnen einige Fachleute wie der deutsche Sachverständige Lars Feld aus Freiburg den EU-Vorstoß ab. Die meisten Ökonomen lassen ordnungspolitische Einwände jedoch nicht gelten. "Der Weckruf der EU-Kommission ist wichtig, weil junge Menschen in den Südländern oft keine einflussreiche Lobby haben", so Fuest. Weil die Löhne junger Beschäftigter zudem vergleichsweise niedrig sind, fallen auch die verzerrenden Effekte für den Arbeitsmarkt eher gering aus, so Fuest.
Dabei, so glaubt ILO-Experte Ernst, braucht der EU-Vorstoß keineswegs so teuer zu sein, wie von manchen Skeptikern befürchtet: "Das Gute ist, dass diese Jobgarantien kostengünstig bereitgestellt werden können." Ein Grund: Junge Jobsuchende schaffen die Rückkehr in Lohn und Brot oft schneller als ältere Erwerbspersonen.
Für Spanien beziffert ILO die Kosten der Maßnahme auf jährlich etwa ein halbes Prozent der Wirtschaftsleistung - also etwa 5 Mrd. Euro. Das stellt die betroffenen Länder angesichts der staatlichen Einschnitte zwar vor Herausforderungen - auf europäischer Ebene, gespeist etwa aus EU-Töpfen, sind die Maßnahmen jedoch finanziell umsetzbar. "Damit dieser Vorstoß umgesetzt wird, muss in Deutschland aber erstmal ein Umdenken stattfinden. Hierzulande ist die Ansicht ja noch, dass jeder in Europa für sich selbst verantwortlich ist", sagt der Sachverständige Peter Bofinger. Klar ist jedoch auch: Erst wenn die Euro-Wirtschaft wieder wächst, werden nachhaltig Jobs geschaffen. Arbeitsprogramme haben da nur begrenzte Effekte.
Die Zahl der armutsgefährdeten Menschen in Europa steigt drastisch. Davor warnte in dieser Woche das Europäische Statistikamt Eurostat. So waren 2011 demnach fast 120 Millionen Menschen in den 27 Ländern der Europäischen Union von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - das entspricht einem Anteil von 24,2 Prozent. Zum Vergleich: Noch im Jahr 2010 lag der entsprechende Wert lediglich bei 23,4 Prozent. Schlusslichter im EU-Vergleich sind dabei Bulgarien, Rumänien und Lettland.
Von den Euro-Ländern schneidet Griechenland am schlechtesten ab. Besonders problematisch: Die anhaltende konjunkturelle Rezession dürfte die Probleme in der nahen Zukunft weiter verschärfen, befürchten Experten. Ein Grund: In einigen Ländern wie Italien und Griechenland gibt es keine Hilfen mehr für Arbeitslose, wenn sie über fünf Jahre ohne Job sind. Im Rahmen der Spareinschnitte wurden dabei bereits viele Leistungen zusätzlich gekürzt.
Die wirtschaftliche Rezession in Südeuropa trifft vor allem die Jugend. Genießen ältere Beschäftigte in vielen Ländern einen vergleichsweise hohen Kündigungsschutz, besitzen junge Beschäftigten oft nur zeitlich befristete Arbeitsverträge - die in der Krise dann eben nicht verlängert werden. Verschärfend kommt für die Jugend hinzu, dass sie naturgemäß kaum Arbeitserfahrung vorweisen kann. Entsprechend ist die Erwerbslosenquote bei den unter 25-Jährigen in der Euro-Zone seit 2008 weitaus stärker gestiegen als die allgemeine Erwerbslosenquote.
So bemühen sich die Regierungen in Südeuropa, mit ihren Arbeitsmarktreformen mehr Chancengleichheit zwischen Jung und Alt herzustellen - so etwa Italiens Premier Mario Monti. Nach einer Auswertung der Internationalen Arbeitsorganisation ILO ist die Jugendarbeitslosigkeit in den Euro-Ländern Griechenland und Spanien selbst im globalen Vergleich heute am höchsten.
Neben der Jobmalaise unter Jugendlichen gilt die Langzeitarbeitslosigkeit in Europa als größte Baustelle: Gemäß der jüngsten Analyse der EU-Kommission suchten 2011 fast zehn Millionen der insgesamt rund 25 Millionen Erwerbslosen in der EU schon ein Jahr oder länger eine Beschäftigung. Fast 20 Prozent davon waren sogar mehr als 48 Monate arbeitslos. Vor allem in den südlichen Euro-Ländern ist die Lage akut.
Bis Ende 2012 dürften diese Zahlen noch zugelegt haben, denn grundsätzlich gilt: Je höher der Anstieg der Arbeitslosigkeit insgesamt, desto stärker legt auch die Langzeitarbeitslosigkeit zu. Und Fachleute rechnen für die meisten Problemländer erstmal mit einer Verschlechterung der Lage. Deutschland gehört in dieser Rangliste noch immer zu den weltweiten Problemländern - selbst wenn die Quote in den vergangenen fünf Jahren stark gesunken ist: Nach OECD-Angaben von rund 56 Prozent Ende 2007 auf heute gut 45 Prozent.