FTD.de » Politik » Europa » Weckruf vor der Katastrophe
Merken   Drucken   04.12.2012, 20:51 Schriftgröße: AAA

Arbeitslosigkeit: Weckruf vor der Katastrophe

Leitartikel Das größte wirtschaftliche Problem der Eurozone ist die Rekordarbeitslosigkeit der Jugendlichen. Denn sie raubt den Ländern langfristig Wachstumschancen. Wenn Sozialkommissar Laszlo Andor die EU-Staaten also verpflichten will, Jugendliche spätestens nach vier Monaten in Arbeit zu bringen, ist das der richtige Weg.

Manchmal muss man zu seinem Glück gezwungen werden: im besten Fall von Menschen, die es einfach besser wissen als man selbst.

Wie der europäische Sozialkommissar Laszlo Andor. Wenn es nach ihm ginge, würde er alle Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten verpflichten, ihre jugendlichen Arbeitslosen so schnell wie möglich zurück an den Arbeitsmarkt zu bringen. Genauer gesagt: Spätestens vier Monate nach Beendigung einer Ausbildung oder nach dem Verlust des Arbeitsplatzes müssen die unter 25-Jährigen entweder weiterqualifiziert werden oder ein Folgearbeitsverhältnis eingehen.

Der europäische Sozialkommissar Laszlo Andor   Der europäische Sozialkommissar Laszlo Andor

Denn, so Andors einleuchtende Argumentation, die Rekordarbeitslosigkeit von fast 24 Prozent bei den Jugendlichen ist das größte wirtschaftliche Problem der Euro-Zone. Die Sozialausgaben steigen und treiben vor allem die Kassen der ohnehin schon schwer gebeutelten Südländer immer tiefer in die roten Zahlen. Besserung: nicht in Sicht. Damit nicht genug, nach Auffassung der International Labour Organization (ILO) steht die Euro-Zone ohnehin vor einer schweren Zukunft: Die strukturelle Arbeitslosigkeit hat in den Randländern stark zugenommen. Wegbrechende Unternehmensinvestitionen haben die Jobmärkte extrem geschädigt.

Und das Problem wird sich dramatisch ausweiten. Denn die hohe Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen - inzwischen deutlich über 50 Prozent in Ländern wie Spanien und Griechenland - raubt den europäischen Volkswirtschaften langfristig Wachstumschancen. Den Jugendlichen fehlen die Qualifikation und die Berufserfahrung, um die Wirtschaft in den kommenden Jahrzehnten voranzutreiben.

Der Vorstoß des europäischen Sozialkommissars ist deshalb der richtige Weg, die Krise nicht in die Zukunft weiterzutragen. Ordnungspolitisch gibt es sicherlich noch Klärungsbedarf, und auch die Finanzierung des Programms muss noch geklärt werden - hier bietet sich eine Kofinanzierung über EU-Sozialfonds an. Die Jugendlichen im Süden Europas leiden jedoch am stärksten unter den Kürzungen ihrer Regierungen; ihnen fehlt die Lobby, sie sind weit weniger organisiert als ältere Arbeitnehmer. Ihre Stimme findet kaum Gehör, befristete Arbeitsverhältnisse und fehlende Erfahrung erschweren ihnen die Partizipation.

Aus sich selbst heraus werden die Länder diesen Schritt angesichts ihrer strengen Sparprogramme nicht wagen können. Gefragt ist also mehr Solidarität in Europa, vor allem dem Süden gegenüber. Ein Umdenken muss stattfinden.

Andors Vorstoß ist deshalb ein notwendiger Weckruf an die Regierungen. Erst in den kommenden Jahren würden sich fehlende Maßnahmen auswirken; wenn qualifiziertes Personal die Wachstumsperspektiven erfüllen soll.

  • Aus der FTD vom 05.12.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Kommentare
  • 06.12.2012 11:25:33 Uhr   Toni-Ketzer: Weckruf?

    Dem Vorbild "Deutschland" folgten andere EU-Länder blind. Arbeitslosigkeit möge in Statistiken gepresst werden welche nach belieben geschönt dienen. 'Die Wirtschaft brummt' tönt es vollmundig. Auf wessen Kosten und Zukunft hat FTD nun auch leidlich erfahren müssen. Man sollte nur Geschäfte machen mit Leuten welche auch Geld haben. Der Sozialismus kennt kein Wachstum, sondern nur Ausdehnung. Und diese Expansion muss geplant werden, so die politische Herausforderung für die Sozen. Frei nach dem Motto: "Alles klar, keiner weiß Bescheid", Ignoranz. Diese sozialistische Planwirtschaft möge die "Brussel-EG" prägen, so der böse Geist 'Herman Van Rompuy'.

    Zukunft wird aus Perspektiven gemacht. Und Perspektiven wachsen auf Alternativen. Diese Voraussetzungen sind älter als die "Brussel-EG", älter als die geschönten Statistiken mit welche sich Politiker zu rehabilitieren versuchen. Die Arbeitslosigkeit ist kein plötzlich auftretendes Phänomen, sondern ist immer noch permanente Folge jahrzehnte langer Misswirtschaft.

Kommentar schreiben Pflichtfelder*




Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler