Die Macher hinter den News: Porträts von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.
Bisher wusste man von Mark Reckless eigentlich nur, dass er gern mal einen über den Durst trinkt. In einer heißen Julinacht vor zwei Jahren frönte er seiner Leidenschaft fürs Alkoholische so ausgiebig, dass er an der Berufsausübung schlicht gehindert war. Das Saufgelage stieg nämlich in einer der hoch subventionierten Bars im Londoner Unterhaus, wo eigentlich über den britischen Haushalt debattiert werden sollte. Die Sitzung dauerte bis zwei Uhr morgens. Als der damals frisch gebackene Abgeordnete der konservativen Tory-Partei zur Abstimmung gerufen wurde, ging nichts mehr: Ein Votum in seinem Zustand wäre "unangemessen" gewesen, erläuterte Reckless hinterher und versprach zerknirscht: "Das ist mir schrecklich, schrecklich peinlich. Ich entschuldige mich ohne Einschränkung und habe nicht mehr vor, im Unterhaus zu trinken."
Ob dieser Schwur Bestand hat oder nicht - am Mittwochabend jedenfalls war der 41-Jährige putzmunter und äußerst satisfaktionsfähig. Reckless - auf Deutsch: rücksichtslos - ist seinem Namen voll gerecht geworden. Er fungierte als Koordinator jener 53 Tory-Parlamentarier, die Premierminister David Cameron in den Rücken fielen: Gemeinsam forderten sie ihren Parteichef dazu auf, von den Budgetverhandlungen in Brüssel, die für den 22. und 23. November angesetzt sind, eine echte Senkung der EU-Ausgaben mitzubringen. Weil Reckless auch geschickt mit der oppositionellen Labour Party und den schottischen Nationalisten verhandelte, gewannen die rücksichtslosen Rebellen die Abstimmung und blamierten damit die Koalitionsregierung.
Reckless rechtfertigt diesen Affront ungeniert: "Das Parlament hat fürs Volk gesprochen. Früher oder später bekommen wir unser Geld zurück aus Europa." Tatsächlich gerieren sich die Briten zunehmend nicht mehr nur europaskeptisch, sondern begegnen der EU mit offener Feindseligkeit. Deren Ansehen habe "einen Tiefpunkt erreicht", sagte Aussenminister William Hague.
In Umfragen befürwortet eine Mehrheit der Briten den Austritt aus dem Brüsseler Klub, allerdings sind viele Bürger auch noch unschlüssig. Reckless hingegen gehört zu den wild Entschlossenen, die möchten, dass sich Großbritannien lieber heute als morgen aus der EU verabschiedet. Konsequent setzt sich der katholische Oxford-Absolvent und gelernte Anwalt dafür auch als Vorsitzender der "Kampagne für ein unabhängiges Britannien" ein.
Bei den Tories von Rochester verdiente sich der Parteirechte seine Sporen als "zäher Verfechter lokaler Anliegen", beschreibt der Politologe Simon Henig. 2005 verpasste Reckless den Einzug ins Parlament um knappe 213 Stimmen, im zweiten Anlauf 2010 klappte der Sprung auf die nationale Politikbühne. Dass der eingeschworene EU-Feind einen Wahlkreis in Kent vertritt, rundet das Bild ab. Schließlich gehört jene Grafschaft im englischen Südosten zu den EU-feindlichsten Landstrichen der Insel.
Zur Begründung für seine konzertierte Aktion gegen Cameron führt Reckless das harte Sparprogramm an, mit dem die Koalition dem immensen Defizit von zuletzt acht Prozent beizukommen versucht. Er habe da regelmäßig "schwierige Unterhaltungen mit Bürgern meines Wahlkreises", so Reckless. "Denen gegenüber kann ich Steigerungen im EU-Haushalt nicht verantworten." Diese Stimmung ist im Unterhaus weit über den Kreis der EU-Feinde hinaus verbreitet: Brüssel dürfe die Nettozahler, zu denen Großbritannien seit 40 Jahren gehört, nicht noch mehr zur Kasse bitten.
Ob freilich Reckless' Taktik die Insel diesem Ziel näherbringt? Womöglich beschleunigt sie auch nur den langen Marsch zum Bruch mit Brüssel. Damit wäre Reckless am Ziel.