Es sind nicht wirklich viele, die das Chaos stiften. Aber es reichen ein paar Dutzend Gestalten, um eine ganze Einkaufsstraße zu verwüsten. Was Londonern inzwischen Angst macht, sind nicht nur diese auf Gewalt gepolten Menschen - sondern die Abwesenheit des Staates.
Verzweifelte Ladenbesitzer rufen die Notfallnummer - und niemand kommt. Hausbesitzer stehen vor ihren brennenden Wohnungen - und die Feuerwehr ist nirgendwo zu sehen. Die Innenministerin spricht davon, dass die Polizei mit den Gemeinden vor Ort zusammenarbeiten müsse. Die Worten klingen wie ein Hohn für ganze Stadtteile, die sich heute Nacht in Angst hinter abgedunkelten Fenstern kauern mussten. In Camden schloss die Konzerthalle Roundhouse, einst sozusagen das Wohnzimmer von Amy Winehouse, alle Besucher zu deren eigenen Sicherheit in ihrem Veranstaltungsraum ein. Draußen tobte der Mob.
Es wird jetzt von einer Ausgangssperre gesprochen. Polizei und Politiker appellieren an die Einwohner Londons, jeden zu melden, bei dem oder der sie gestohlene Waren sehen. Eltern sollen ihre Teenager zu Hause festhalten, es gibt Plünderer, die nicht älter sein können als zehn Jahre. Erste Rufe nach Einsatz der Armee werden laut.
Das alles klingt nicht nach einer Strategie, sondern nach Verzweiflung. Am Morgen scheint alles ruhig. Wahrscheinlich liegen die meisten der "verwilderten Jugendliche, die neue Turnschuhe haben wollen", wie Vizebürgermeister Kit Malthouse die Randalierer nannte, nach der Nacht im Bett. Im Internet rufen Bewohner von Camden dazu auf, sich vor den zerstörten Geschäften zu treffen und beim Aufräumen zu helfen. Bis zur nächsten Nacht.