Als die Menge um sie herum "Räuber, Räuber" skandiert, stellt sich die kleine Frau mit dem rosa Poloshirt auf Zehenspitzen. Maria Carmen Bolla reckt ihr Schild in die Luft: in Richtung der Topetagen des Madrider Bankia-Towers: "Bankia - Okkultismus - Gebt mir meine Ersparnisse zurück", hat die 71-jährige Rentnerin auf den Pappkarton geschrieben. Sie demonstriert zum ersten Mal in ihrem Leben. Weil sie sich vor zwei Jahren von Kundenberatern des Bankia-Vorgängers Caja de Madrid überreden ließ, ihre Alterssicherung von 30.000 Euro anzulegen: in sogenannte Preferentes. Diese dubiosen Finanzprodukte werden Maria Carmen Bolla nun böse Verluste bescheren. Ihr und Hunderttausenden anderen Leidensgenossen.
Spaniens Kleinanleger bangen um ihr Erspartes. Bis zu 300.000 Bürger, so schätzt die Konsumentenschutzvereinigung Adicae, haben sich in den letzten Jahren diese Preferentes aufschwatzen lassen: hochriskante Zwitter aus Anleihen und Aktien. Nun droht ihnendie Teilenteignung: Die Financial Times enthüllte am Mittwoch, dass die Staaten der Euro-Zone Spaniens notleidende Sparkassen dazu drängen, hohe Abschreibungen vorzunehmen, ehe sie diesen maroden Cajas Notkredite geben. Laut spanischen Medienberichten verlieren die Preferentes-Inhaber dann mindestens 40 Prozent ihres Einsatzes. Dabei waren sie einst alle fest überzeugt: Diese Anlageform ist sicher.
"Sie haben mich betrogen", sagt Maria Carmen Bolla, und ihre braunen Augen funkeln vor Zorn. "Als damals mein Kundenberater angerufen hat, hat er 4,7 Prozent Zinsen versprochen und mir garantiert, dass ich dass Geld jederzeit wieder abziehen kann." Tatsächlich sehen die meisten Preferentes überhaupt keine Rückzahlung des Anlagebetrags vor - eine Caja legte als Tilgungsdatum den 31. Dezember des Jahres 3000 fest. Und Ausschüttungen gibt es nur, wenn die Bank Gewinn erwirtschaftet. Geht sie indes pleite, werden die Preferentes-Inhaber nach allen anderen Gläubigern aus der Konkursmasse bedient. Einlagensicherung? Fehlanzeige.
Preferentes sind komplexe, hochriskante Finanzprodukte, welche die Banken einst für institutionelle Investoren schufen, die mehr Rendite suchten. Sowie für sich selbst, weil die Institute die Preferentes bis zur Einführung des Regelwerks Basel III als Eigenkapital verbuchen konnten. Und das brauchten sie dringend.
Als 2007 die Luft aus Spaniens Immobilienblase entwich, wollten die Großanleger keine Preferentes mehr haben. Gerade jetzt hatten aber die Cajas frisches Eigenkapital nötiger denn je. Also guckten sie sich eine neue Zielgruppe aus, um ihre Finanzierungslöcher zu stopfen: Privatanleger wie Maria Carmen Bolla. Sie schickten ihre Berater los, versprachen den arglosen Kunden fette Rendite ohne Risiko - und schufen für sie einen künstlichen Sekundärmarkt, auf dem man die Preferentes zum Nominalpreis verkaufen konnte.
Mehr zu: Bankenkrise, Euro, Madrid, Spanien, Sparkasse
Insgesamt sammelten Spaniens Banken rund 30 Mrd. Euro mit solchen hybriden Schuldenprodukten mit Eigenkapitalcharakter ein. Die Finanzaufseher ließen ihnen nahezu alles durchgehen. Doch seit vergangenem November ist der künstliche Preferentes-Sekundärmarkt dicht, die Kleinanleger werden ihre Papiere nicht mehr los.
Jetzt versammeln sich die Enttäuschten alle paar Tage vor den Caja-Zentralen, viele von ihnen sind Pensionäre. Sie schlagen mit Aluminiumlöffeln auf ihre Kochtöpfe, blasen in Trillerpfeifen, singen alte Arbeiterlieder. "Viele sind menschlich tief enttäuscht", sagt Adicae-Generalsekretär Fernando Herrero. "Sie haben ihrem Berater vertraut, mit dem sie 20 Jahre lang zusammengearbeitet haben. Das haben die Caja-Chefs ausgenutzt. "
Vor der Madrider Verbraucherzentrale stehen diejenigen Schlange, die es erst jetzt merken. "Ich habe hier so einen Vertrag, sind das Preferentes?", fragt eine ältere Frau mit Leggings am Schalter. Der Sachbearbeiter nickt, macht eine Kopie, legt sie auf einen gut zehn Zentimeter hohen Papierstapel: die Ausbeute von heute Morgen. Adicae bündelt die Proteste.
Spaniens Politiker zeigen Reue. Die Preferentes hätten nie an Kleinanleger verkauft werden dürfen, gesteht Wirtschaftsminister Luis de Guindos ein. Den Erwerbern nützt das gar nichts. Auch de Guindos deutet nun an, dass sie bluten müssen.
Maria Carmen Bolla bleibt nur ein Trost. Es hätte noch schlimmer kommen können als minus 40 Prozent. Im März hat sie das Angebot von Bankia abgelehnt, ihre Preferentes in Aktien umzutauschen. Seither ist Bankias Börsenkurs um 75 Prozent abgestürzt.