Sie gelten als Europas Musterschüler: Die Finnen scheinen wie kein anderes Euro-Land den Spagat zwischen verantwortungsvoller Haushaltspolitik und stabiler Wirtschaftsentwicklung zu schaffen. Der deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) ist angetan: "Finnland ist heute ein Stabilitätsanker der Euro-Zone", sagte er vor seinem Besuch in Helsinki, der am Dienstag beginnt. Rösler will dort mit seinem Amtskollegen Jyri Häkämies und Premier Jyrki Katainen über die Entwicklung der Euro-Krise sprechen.
Tatsächlich jedoch droht dem vermeintlichen Vorbild Finnland, das bislang mit niedriger Staatsverschuldung und Ratingbestnote punkten konnte, ein rasanter Abstieg. Die Wirtschaft dürfte sich bereits in einer Rezession befinden, glauben Ökonomen. "Das Bruttoinlandsprodukt schrumpft in diesem Sommer zwei Quartale hintereinander", glaubt Roger Wessman, Chefökonom bei der Nordea Bank. Auch die Volkswirte der Danske Bank erwarten sowohl im zweiten als auch im dritten Quartal ein sinkendes Bruttoinlandsprodukt.
Damit nicht genug: In der vergangenen Woche räumte Finnlands Finanzministerin Jutta Urpilainen ein, dass die Wirtschaft 2013 ebenfalls deutlich schwächer wachsen wird als bislang erwartet. War man bis dato von einem Plus von 1,2 Prozent ausgegangen, glaubt Helsinki heute nur noch an einen Wert zwischen null und einem Prozent. Selbst eine Rezession sei 2013 möglich, so das Eingeständnis.
Als nur eine von vier Euro-Volkswirtschaften war Finnlands Ökonomie ohne Minusquartal durch den Winter gekommen. Im ersten Quartal 2012 gab es noch ein Plus von 0,8 Prozent, keine Wirtschaft wuchs schneller im Währungsraum - ein trügerischer Traumstart ins neue Jahr.
Denn Fachleute glauben nicht an eine Fortsetzung der Erfolgsstory. Das Verbrauchervertrauen ist seit seinem Jahreshoch im Mai binnen drei Monaten von 10,6 auf nunmehr 1,4 Punkte eingebrochen. Auch der konjunkturelle Stimmungsindikator der EU-Kommission hat massiv eingebüßt. Ein Grund dafür: Im April erhöhte Finnlands Regierung die Steuern auf neu erworbene Fahrzeuge. "Darauf haben viele Finnen mit vorgezogenen Autokäufen reagiert", so Nordea-Ökonom Wessman. Entsprechend dürften die Umsätze im Frühjahr gesunken sein, glauben Experten.
Die Regierung hält trotz der prekären Situation bislang an ihren Konsolidierungsplänen fest. Kürzlich wurden Sparmaßnahmen in Höhe von 1,2 Mrd. Euro beschlossen. Die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer von derzeit 23 auf 24 Prozent soll ab Januar 2013 zusätzliche 1,2 Mrd. Euro in die Staatskassen spülen. Der private Verbrauch dürfte unter dieser Maßnahme zusätzlich leiden.
Bereits heute kämpft das frühere unternehmerische Aushängeschild des Landes mit großen Absatzproblemen: Der Mobiltelefonhersteller Nokia hinkt der Konkurrenz hinterher. Im Rahmen eines Mitte Juni angekündigten Sparprogramms sollen 2013 weltweit rund 10.000 Stellen gestrichen werden, 3700 davon im finnischen Werk in Salo. Damit trennt sich der Konzern von 19 Prozent seiner Belegschaft und insgesamt drei Fabriken.
Finnland leidet unter den Verwerfungen durch die Krise in der Euro-Zone, die in diesem Sommer in eine Rezession rutscht. Immerhin ein Drittel der finnischen Ausfuhren geht in die Länder des Währungsraums. Vor allem die schwindende Nachfrage der deutschen Wirtschaft, einer der Haupthandelspartner Finnlands, macht sich in diesem Sommer zunehmend bemerkbar. Ob die finnische Wirtschaftsleistung schrumpft, "hängt sehr stark von der Entwicklung der internationalen Konjunktur ab", so Finanzministerin Urpilainen.
Rösler allerdings dürfte vor allem eines interessieren: In Sachen Euro-Krisenpolitik liegen der deutsche Wirtschaftsminister und seine finnischen Kollegen auf einer Wellenlänge. Beide lehnen zusätzliche Hilfen für die Südländer ab. So verspricht immerhin der Besuch in Helsinki relativ konfliktfrei zu werden.