Boris gegen Ken - das Rennen um das Londoner Bürgermeisteramt wird bei der Wahl an diesem Donnerstag entschieden. Obwohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet wird, geht Amtshinhaber Boris Johnson von den Konservativen als leichter Favorit gegen seinen Widersacher und Amtsvorgänger Ken Livingstone von der sozialdemokratischen Labour-Partei ins Rennen. Die letzte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sah Johnson mit 52 zu 48 Prozent in Front.
Johnson und Livingstone schenkten sich im Wahlkampf nichts. Nahverkehr und Sicherheit waren die großen Themen, über die gestritten wurde. "Wir haben die Zahl der Morde um 25 Prozent reduziert", tönte Amtsinhaber Johnson, vergaß aber, die für ihn peinliche Gewaltwelle von vor einem Jahr zu erwähnen, als ganze Stadtviertel brannten. "London hat die höchsten Nahverkehrspreise der Welt und die schlechteste Luft Europas dazu", lästerte Livingstone. "Wir tun was dagegen und führen eine Altersgrenze für Taxis ein", konterte Johnson.
Livingstone - auch unter seinem Spitznamen der "rote Ken" bekannt - ist ein alter Recke der Londoner Kommunalpolitik. Schon 1981 war er Spitzenbeamter im damaligen Stadtrat, bevor die damalige Premierministerin Margaret Thatcher ihn kaltstellte. Sie schaffte 1986 das ganze Gremium ab. Zuvor hatte Livingstone auf dem Rathausdach publikumswirksam die aktuellen Arbeitslosenzahlen verkünden lassen. Als im Jahr 2000 die Greater London Authority mit einem echten Bürgermeister geschaffen wurde, war Livingstone - zwischenzeitlich als Unterhausabgeordneter mäßig erfolgreich - wieder da. Für das Bürgermeisteramt trat er sogar zwischendurch aus der Labour Partei aus. Diese hatte einen anderen aufgestellt.
Der Mann vom linken Parteiflügel gewann die Wahl und die nächste 2004 gleich wieder. 2008 schließlich verlor er gegen Senkrechtstarter Boris Johnson. Schon damals umschrieben Zeitungen den Wahlkampf mit "Das Duell der Clowns". Die Niederlage hat der Sozialist nie verwunden. Jetzt, im Alter von 66 Jahren, will es der Sohn einer Tänzerin und eines schottischen Kapitäns noch einmal wissen. Sein großer Vorteil: Sie gut wie er kennt kaum ein zweiter die Acht-Millionen-Metropole und ihre kommunalpolitischen Verwicklungen.
Livingstone hat einiges erlebt. Er hat US-Präsident George W. Bush als "größte Bedrohung für das Leben auf dem Planeten" bezeichnet und Israels damaligen Premierminister Ariel Scharon als "Kriegsverbrecher". Diesmal scheint er es aber übertrieben zu haben: Bei Wahlkampfauftritten verdarb er es sich mit der jüdischen Gemeinde ("Ihr seid alle reich"). Mit ständigen Sticheleien und Anschuldigungen reizte er seinen Gegenkandidaten Boris Johnson so sehr, dass dieser zum Gegenschlag ausholte. "A fucking liar" ("Ein verdammter Lügner") sei der Labour-Mann, entfuhr es dem blonden Boris mit der Starkstromfrisur. Drei Mal, in einem Aufzug nach einer Radiodebatte. Eine Entschuldigung lehnt Johnson ab.
Schlimmer für den Labour-Mann: Die "Sunday Times" zerrte eine unangenehme Tatsache ans Licht. Livingstone versteuerte im Jahr 2009 nicht seine vollen Einkünfte, sondern fand offenbar über ein raffiniertes Modell Möglichkeiten, nur die Dividende dem Finanzamt zu melden, die er über eine mit seiner Frau gegründete Firma bekam. Die Zahlen: Statt der als Einkommen versteuerten gut 21.000 Pfund verdiente er durch Dinner-Reden und andere Aktivitäten laut Johnson mehr als 230.000 Pfund. "Champagner-Sozialist" riefen deswegen wütende Zuschauer in der Podiumsdiskussion. Livingstone entgegnete: "Mit den von mir gezahlten Steuern könnte man einen Flugzeugträger finanzieren."
In Umfragen fiel Livingstone, der beinahe zum Amtsinhaber aufgeschlossen hatte, deutlich zurück. Die Wähler scheinen ihm nicht verzeihen, dass er noch vor kurzem die Ausnutzer von Steuerschlupflöcher als "reiche Bastarde" bezeichnet hatte. Sechs Punkte lag er zuletzt hinter dem rund 20 Jahre jüngeren Johnson. Der, ein Schüler des Elite-Internats Eton und Kind der Oberschicht, scheint durch seine finanziellen Eskapaden zunächst keinen Schaden zu nehmen. Seine Nebentätigkeit als Kolumnist der Zeitung "Sunday Telegraph" lässt sich der frühere Journalist mit 250.000 Pfund bezahlen - das Zehnfache des jährlichen Durchschnittseinkommens der Engländer. Aber sauber versteuert.