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Merken   Drucken   03.01.2012, 21:15 Schriftgröße: AAA

Chefvolkswirt: Deutsche verlieren EZB-Schlüsseljob

Überraschend wird ein Belgier Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank - damit büßt Deutschland zum ersten Mal seit Bestehen des Gremiums diese einflussreiche Position ein. Jörg Asmussen darf sich als Euro-Krisenmanager bewähren. von Peter Ehrlich  Berlin und André Kühnlenz  Frankfurt
Deutschland stellt erstmals seit Bestehen der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht mehr deren einflussreichen Chefökonomen. Der bisherige deutsche Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen, der am 1. Januar für Jürgen Stark in das EZB-Direktorium nachgerückt ist, erhält stattdessen eine Schlüsselposition bei der Bekämpfung der Euro-Schuldenkrise.
Die am Dienstag getroffene Entscheidung des neuen EZB-Präsidenten Mario Draghi ist eine Niederlage für Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU). Sie hatten bei Asmussens Nominierung den Anspruch auf den Posten des Chefvolkswirts erhoben. Die Besetzung mit einem Deutschen sollte garantieren, dass die EZB ihre Politik beibehält, zuvörderst die Inflation zu bekämpfen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige ...   Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen am 6. Oktober 2011 im Kanzleramt
Draghi gab die Zuständigkeit für die volkswirtschaftliche Abteilung dem Belgier Peter Praet. Er ist künftig etwa für Zinsentscheide zuständig. Auch Praet gilt jedoch als Verteidiger der Geldwertstabilität und hat die Unterstützung der Bundesbank.
Eigentlich war Benoît Coeuré aus Frankreich, ebenfalls neu im sechsköpfigen Direktorium, Asmussens Konkurrent. Draghi vermied mit dem Kompromiss einen deutsch-französischen Machtkampf. Die Entscheidung im Direktorium fiel einstimmig und offenbar nach vorheriger Information der Regierungen in Deutschland und Frankreich.
Der FTD sagte Asmussen, er sei mit der Entscheidung zufrieden. Neben dem Krisenmanagement werde er sich auch mit der langfristigen Entwicklung der Euro-Zone befassen. Schäuble sprach von einer "ausgewogenen Entscheidung". Asmussen wird eine Art Außenminister und bekommt Zuständigkeiten, die bisher bei EZB-Vize Vítor Constâncio lagen. Dieser wird teilweise entmachtet. Constâncio stammt aus Portugal, einem Land, das von EU-Finanzhilfen abhängig ist.
Asmussen vertritt die EZB in den Gremien, wird die Entscheidungen der EU-Finanzminister vorbereiten und Draghi bei den Finanzministertreffen begleiten. Diese kennt Asmussen bestens aus seiner Zeit als Staatssekretär. Er soll mit Draghi auch zu den Gipfeln der Staats- und Regierungschefs reisen - was bisher nicht einmal der Vizepräsident durfte.
Asmussen kann so weiter für die Interessen Deutschlands bei der Euro-Rettung eintreten. Im Gegensatz zu Bundesbankpräsident Jens Weidmann gilt er jedoch als offener dafür, dass die EZB den Schuldenstaaten der Euro-Zone hilft. Coeuré erhält die Zuständigkeit für die Marktoperationen der Bank und damit für die umstrittenen Käufe von Anleihen der Euro-Krisenstaaten. Vor dem Haushaltsausschuss des EU-Parlaments hatte er diese jüngst verteidigt und eine Ausweitung nicht ausgeschlossen.
Draghi versucht einen Neuanfang im Direktorium, das sich unter seinem Vorgänger, dem Franzosen Jean-Claude Trichet, in der Frage der Anleihekäufe zerstritten hatte. Er will einen neuen Teamgeist schaffen, stärkt zugleich aber auch seine eigene Stellung, indem er die Schlüsselbereiche auf verschiedene Direktoriumsmitglieder aufteilt. Die Forschungsabteilung bleibt von der volkswirtschaftlichen Abteilung getrennt und wird ab März vom Spanier José Manuel González-Páramo beziehungsweise dessen Nachfolger geleitet. Asmussen wiederum wird auch für Rechtsfragen und für die Vertretung der EZB beim Internationalen Währungsfonds zuständig sein.

Zahlenmensch
Peter Praet, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank   Peter Praet, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank
Theorie und Praxis Peter Praet hat 1980 an der Freien Universität Brüssel in Wirtschaftswissenschaften promoviert. Anschließend lehrte er dort bis 1987. Von 1988 bis 1999 war er Chefökonom verschiedener Banken. Nach einem Intermezzo im Finanzministerium rückte Praet 2000 ins Leitungsgremium der Belgischen Nationalbank ein, im Juni 2011 dann ins EZB-Direktorium.
  • Aus der FTD vom 04.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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