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  FTD-Serie: Mordserie erschüttert Russland

Ex-Agent Alexander Litwinenko und sein Kontaktmann Mario Scaramella, die Journalistin Anna Politowskaja, Zentralbank-Vize Andrej Koslow, der Abteilungsleiter der Vneshtorgbank, Alexander Plochin - in Russland tobt ein tödlicher Kampf um Macht und Einfluß. Lesen Sie in unserer Serie alles über die Rückkehr der Geheimdienstmorde.

Merken   Drucken   10.10.2006, 17:20 Schriftgröße: AAA

Demonstranten beschimpfen Putin als Mörder

Beim Deutschland-Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin rückt ein Thema in den Fokus: der Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja. Bei seiner Ankunft in Dresden wurde Putin von Demonstranten empfangen.
Wladimir Putin wird vorgeworfen, in seinem Land die Pressefreiheit ...   Wladimir Putin wird vorgeworfen, in seinem Land die Pressefreiheit einzuschränken
Als die Wagenkolonne Putins am Dienstag in der Dresdner Altstadt vor dem Schloss eintraf und der russische Präsident ausstieg, schallten ihm die Schmährufe entgegen. Ein Demonstrant hielt ein Pappschild mit der Aufschrift hoch: "Mörder - du bist hier nicht mehr willkommen". In Moskau war am Samstag die regierungskritische Journalistin Anna Politkowskaja umgebracht worden.
Die auch von der Bundesregierung scharf verurteilte Tat überschattet den Deutschlandbesuch Putins. Der Präsident bezeichnete den Einfluss der Journalistin in Russland als "unbedeutend". Sie sei in Menschenrechtskreisen in Russland und im Westen bekannt gewesen. Dennoch schade die Bluttat Russland und auch Tschetschenien "viel mehr als die Veröffentlichungen". Putin sprach von einer "Gräueltat, die nicht ungestraft bleiben" könne, was immer das Motiv gewesen sein möge. Das Verbrechen müsse bestraft werden: "Wir werden alles dafür tun."
Vor dem Dresdner Kongresszentrum, wo Putin und Merkel am "Petersburger Dialog" teilnehmen wollen, versammelten sich rund 30 Demonstranten der Gesellschaft für bedrohte Völker zu einer Protestkundgebung. Wenn Putin nicht rasch für die Aufklärung der Bluttat sorge, erhärte sich der Verdacht, dass russische Geheimdienste ihre Hände im Spiel gehabt hätten, um die schärfste Regimekritikerin aus dem Weg zu räumen, sagte der Vorsitzende der Menschenrechtsgruppe, Tilman Zülch.
Vor dem Putin-Besuch hatten mehrere deutsche Politiker Merkel zur Offenheit gegenüber Putin aufgefordert. Merkel solle den "wirklichen Rückgang der Meinungs- und Pressefreiheit" in seinem Land ansprechen, verlangte die FDP. Der Mord müsse unabhängig und objektiv untersucht werden, mahnte die Bundestagsabgeordnete Sabine Leutheusser-Schnarrenberger im RBB Inforadio.
An der Beerdigung der Journalistin Anna Politkowskaja in Moskau ...   An der Beerdigung der Journalistin Anna Politkowskaja in Moskau nahmen Hunderte teil
Das Treffen Merkels und Putins in Dresden ist Teil des Petersburger Dialogs, einer regelmäßigen Konferenz zu den deutsch-russischen Beziehungen. Merkels Sprecher Ulrich Wilhelm hatte angekündigt, die Kanzlerin werde den Mord an der Journalistin offen ansprechen und dabei die Bedeutung der Meinungs- und Pressefreiheit thematisieren.
Hunderte Trauergäste in Moskau
Mehr als Tausend Trauergäste nahmen am Dienstag in einem Moskauer Vorort Abschied von Politkowskaja. Auch US-Botschafter William Burns erwies ihr die letzte Ehre. Ranghohe Vertreter des Kremls kamen dagegen nicht zur der Beerdigung. Die Reporterin war am Samstag erschossen worden - offenbar von einem Auftragskiller. Wegen ihrer investigativen Berichte und Reportagen war sie auch außerhalb Russlands sehr bekannt. Zuletzt hatte die 48-Jährige an einer Geschichte über Folter in Tschetschenien gearbeitet. Ihr Arbeitgeber, die Zeitung "Nowaja Gaseta", setzte für Hinweise auf die Täter 25 Mio. Rubel (737.000 Euro) aus.
Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke (CDU), sah in dem Mord "nur die Spitze des Eisbergs". Er sagte der Netzeitung, eine unabhängige Presse solle mundtot gemacht werden.
Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Andreas Schockenhoff, nannte die Bluttat einen "schweren Rückschlag für die Demokratie in Russland". Der Koordinator der deutsch-russischen Beziehungen forderte ein Klima in Russland, in dem sich viel mehr Menschen trauten, offen zu sprechen.
Anna Politkowskaja wurde am vergangenen Samstag erschossen   Anna Politkowskaja wurde am vergangenen Samstag erschossen
Putin und Merkel sollten am Dienstag zahlreiche Vereinbarungen unterzeichnen und am Abend an der Abschlusssitzung des Petersburger Dialoges teilnehmen. Der russische Präsident sollte anschließend nach München weiterreisen.
Auf der Tagesordnung des diesjährigen Petersburger Dialoges stehen auch der Atomstreit der internationalen Gemeinschaft mit Iran, die diplomatischen Querelen zwischen Russland und Georgien und die bilaterale wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Moskau und Berlin.
Lothar de Maizière und Gorbatschow leiten Gremium
Der Petersburger Dialog steht dieses Jahr unter dem Motto: "Deutschland und Russland in europäischer Verantwortung". Er wurde 2001 vom damaligen Kanzler Gerhard Schröder und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin als offenes Diskussionsforum gegründet. Das Treffen – in diesem Jahr ist es das sechste - findet jährlich abwechselnd in Deutschland und Russland statt. Es soll die Beziehung beider Länder vertiefen.
Zwischen den Jahrestagungen treffen sich Arbeitsgruppen, um einzelne Themen zu diskutieren. Organisiert wird der Dialog von einem Lenkungsausschuss, den derzeit der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière und der ehemalige Staatschef der UdSSR, Michail Gorbatschow, leiten. Finanziert wird der Petersburger Dialog von politischen und privaten Stiftungen, Wirtschaftsunternehmen sowie von den beiden Regierungen.
  • FTD.de, 10.10.2006
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