Für ein Land mit verhältnismäßig wenigen Politikern ist Grönland reich an allerlei Skandalen. Häufig spielt dabei das größte gesellschaftliche Problem des Landes eine zentrale Rolle: der Alkohol. So machte der lange Zeit führende Politiker des Landes, Jonathan Motzfeldt, eine unrühmliche Figur bei einem Trinkgelage unter seinesgleichen, bei dem es zu nicht ganz freiwilligen sexuellen Handlungen mit Bediensteten gekommen sein soll.
Nun erregt sein Namensvetter, der Parlamentspräsident Josef Motzfeldt, die grönländischen Gemüter. Doch diesmal geht es um Dope und nicht um Schnaps. Möbelpacker wollen hinter einem seiner Schränke Haschisch entdeckt haben. Wie das da hingekommen ist, konnte der meist nur "Tuusi" genannte 67-Jährige natürlich nicht erklären. Für den wie eine Kreuzung aus Seebär und Sozialpädagogen aussehenden Politiker ist der Fund eine Katastrophe, für seine Gegner ist er eine Steilvorlage. Sie hoffen, die erst vor wenigen Wochen angetretene Regierung zu schwächen. Tuusi müsse zurücktreten, bis diese Ungeheuerlichkeit geklärt sei, fordert die sozialdemokratische Siumut. Kommt gar nicht infrage, antworten seine Kollegen von der linken Inuit-Partei Ataqatigiit (IA). Der zuständige Ausschuss des Parlaments hält es ebenfalls nicht für nötig, dass der Parlamentspräsident sein Amt ruhen lässt.
Schon sehen die Ersten ein politisches Komplott - hat der Gegner etwa die Droge hinter den Schrank geschmuggelt? Womöglich ist es ein Racheakt der von der Macht verdrängten Siumut. Tuusis IA-Partei beendete die jahrzehntelange Herrschaft der Sozialdemokraten. In dieser Zeit breitete sich der Filz aus, Parteifreunde schoben sich munter Posten zu.
Phase des Umbruchs
Gerade jetzt kann Grönland so ein politisches Hickhack am wenigsten gebrauchen. Die Insel befindet sich in einer Phase des Umbruchs. Die autonome Region Dänemarks kappt die letzten Bande zum Mutterland. Am 21. Juni trat Grönland in den Status der sogenannten Selvstyre (Selbststeuerung) über - der letzten Phase vor der vollständigen Unabhängigkeit.
Trotzdem: Für die trinkfesten Grönländer gibt es derzeit nichts Wichtigeres als den Verdacht, der Parlamentspräsident könnte ab und an kiffen. Dass es sich bei dem Fund Medien zufolge lediglich um einen kleinen Klumpen handelt, mildert ihre Aufregung kein bisschen. Auf die kühne Frage des grönländischen Radios, ob der Besitz von Haschisch nicht einfach legalisiert werden sollte, antworteten 61 Prozent mit Nein.
Das Umzugsunternehmen ISS immerhin will der Sache jetzt noch einmal genauer auf den Grund gehen. Und ausschließen, dass das Ganze am Ende nur ein übler Scherz seiner Mitarbeiter war.