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Merken   Drucken   09.02.2006, 19:04 Schriftgröße: AAA

Dossier: Deutsche Pharmaregeln ecken in USA an  

Grundlegende Kritik an der Preisregulierung für Arzneimittel in Europa hat der stellvertretende amerikanische Gesundheitsminister Alex Azar geübt. Er kritisierte fehlende Anreize für Innovationen. von Ulrike Sosalla und Hubert Wetzel, Berlin
Verkehrte Welt: In amerikanischen Apotheken sind patentgeschützte ...   Verkehrte Welt: In amerikanischen Apotheken sind patentgeschützte Mittel teurer, Nachahmerprodukte aber billiger als hier
"Man kann über jedes Detail von Festbetragssystemen diskutieren", sagte Azar im Gespräch mit der Financial Times Deutschland. Regierungseinrichtungen seien aber schlecht geeignet zu entscheiden, was eine Innovation ist.
Damit zieht Azar das Kernstück der Preisregulierung auf dem deutschen Markt in Zweifel. Dabei entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen so genannte Festbeträge für die meisten Arzneimittel. Die gesetzlichen Krankenkassen, bei denen 90 Prozent der Bevölkerung versichert sind, bezahlen Medikamente nur bis zu diesem Betrag. In der Praxis senken die Pharmakonzerne ihre Preise gewöhnlich auf den Festbetrag ab. Ausgenommen von dem System sind nur Mittel, die der Bundesausschuss ausdrücklich als innovativ anerkannt hat.
Azar bestritt die hinter diesem Konzept liegende Annahme, dass Pharmakonzerne zum Teil Produkte auf den Markt bringen, die zwar patentgeschützt sind, aber nur minimale gesundheitliche Fortschritte zu einem hohen Preis bringen. "Das Konzept, zwischen echter und überflüssiger Innovation unterscheiden zu wollen, ist ein falscher Ansatz", sagte Azar, der Mitte 2005 zum stellvertretenden Gesundheitsminister aufrückte. "Eine Innovation ist eine Innovation ist eine Innovation."
Politische und wirtschaftliche Interessen
Azar deutete an, dass er das System der Preiskontrollen, wie es außer in den meisten europäischen Ländern auch in Kanada angewendet wird, langfristig nicht für überlebensfähig hält. "Das wird davon abhängen, ob die Preise irgendwann unter ein langfristig haltbares Niveau sinken."
Viele Pharmakonzerne berichteten, dass die Preise in einigen europäischen Ländern sich jenem Niveau annäherten, das sie selbst konzernintern für den Einkauf der Medikamente zahlen müssten. "Dann können die Firmen die Produkte nicht mehr auf dem Markt belassen, und für die Patienten stellt sich dann die Frage des Zugangs zu diesen Mitteln."
Hinter der Kritik der Amerikaner stecken sowohl politische als auch wirtschaftliche Interessen. Die US-Regierung unter Präsident George W. Bush versucht, der Kostenexplosion im Gesundheitswesen mit marktwirtschaftlichen Methoden Herr zu werden. Dafür steht sie im eigenen Land in der Kritik, weil patentgeschützte Medikamente in den USA deutlich teurer sind als in vielen anderen Industriestaaten.
Informationen erreichen Patienten selten
Zudem werben die großen Pharmafirmen, die einen bedeutenden Teil ihrer Forschungsabteilungen - und damit wertvolle Arbeitsplätze - in den USA unterhalten, bei der US-Regierung dafür, den Arzneimittelbereich nicht staatlich zu reglementieren.
Anstelle staatlicher Preisfestsetzungen befürwortet Azar ein System frei wählbarer, miteinander konkurrierender Krankenversicherungen. Diese könnten gemeinsam mit den Pharmakonzernen Rabatte für Medikamente aushandeln. Das könne ebenfalls dazu führen, dass die Preise sinken.
Außerdem müssten die Patienten besseren Zugang zu Informationen erhalten, um aktiv mitentscheiden zu können. "In Europa ist es schwierig für Pharmafirmen, Ärzte mit Informationen zu versorgen, und beinahe unmöglich, Patienten zu erreichen", sagte Azar. "Die Ironie ist, dass es viel leichter für Tabakfirmen ist, Verbraucher mit Informationen über Zigaretten zu versorgen, die sie möglicherweise töten könnten, als für Pharmafirmen, Informationen über möglicherweise lebensrettende Nikotinersatzprodukte zu verbreiten."

Einigung bei Arzneimitteln
Gesundheitsexperten der Koalition haben sich auf Änderungen am geplanten Arzneimittelsparpaket verständigt. Union und SPD wollen den Krankenkassen nun per Gesetz die Möglichkeit einräumen, die Eigenbeteiligung von Versicherten bei preiswerten Medikamenten zu senken. Sie wollen diese Regelung aber nicht zur Pflicht machen. Sowohl die Union als auch die SPD hatten Sympathien für dieses Modell gezeigt. Die Zahlen zu den erwarteten Effekten erwiesen sich aber als nicht aussagekräftig genug. Daher soll jede Kasse nun zunächst Berechnungen anstellen und diese an ihre Spitzenverbände melden.
Zugleich wird die von den Ärzten heftig kritisierte Bonus-Malus-Regelung entschärft. Ärzte sollen nicht schon bei einer fünf-, sondern erst bei einer zehnprozentigen Überschreitung der Verschreibungsvorgaben mit einem Abschlag belangt werden. Auch die geplante Absenkung der Festbeträge, bis zu denen Kassen ein Medikament erstatten, wird leicht entschärft. Nächste Woche soll der Bundestag das Gesetz beschließen, damit es zum 1. April greifen kann.
  • Aus der FTD vom 10.02.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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