Henrik Alexandersson bleibt plötzlich stehen: "Hm. Ich denke, wir sind hier falsch. Oder Christian?", fragt er und dreht sich hilflos zu seinem Chef um. Lars Christian Engström, der einzige EU-Abgeordnete der Piratenpartei, nickt: "Ich glaube, wir müssen umkehren, um wieder zum Büro zu kommen." Alexandersson seufzt.
Es ist das dritte Mal, dass sie sich in den verschlungenen Gängen des Straßburger Parlaments verlieren. Das kommt davon, wenn man noch neu ist. Bei der Europawahl im Juni haben die schwedischen Wähler der 2006 gegründeten Piratenpartei unerwartet ein Mandat verschafft. Die Piraten setzen sich für Bürgerrechte, Informationsfreiheit und Datenschutz ein.
"Wir verlieren uns noch oft hier im Todesstern", sagt Engström - Todesstern nennt er das Gebäude, weil es aussieht wie die Weltraumstation aus "Star Wars". Im Büro wartet auf die beiden schon ein Vertreter von Digital Europe, einem Sprachrohr von Elektroverbänden und -unternehmen. Engström mag eigentlich keine Lobbyisten. Lobbyismus sei mit Schuld daran, dass Europa nicht mehr demokratisch sei, klagt er. Es werde zu viel auf Fluren und in Hinterzimmern geregelt. Das sehe man schon an den Kommissaren, denn die "werden nicht gewählt, sondern ernannt".
Doch nun ist die Piratenpartei in Brüssel angekommen und dazu gehört eben, dass man Lobbyisten empfängt. Und nicht wie ein Nerd aussieht, sondern ganz wie die Kollegen aus den etablierten Parteien. Der 49-jährige Schwede trägt Hemd und Anzug, seine kurzen Haare sind graumeliert, um den Hals hängt sein Abgeordneten-Ausweis. Nur die kleine Piratenanstecknadel am Revers unterscheidet ihn.
Engström will die EU demokratischer machen, sagt er. Wie genau, weiß er noch nicht. "Aber es macht ja schon alleine einen Unterschied, dass wir hier sind. Die anderen Politiker fangen an, uns zu bemerken." Und fügt eilig hinzu, dass er damit keinesfalls sagen wolle, dass alle anderen Politiker böse seien.
Vor dem Gespräch mit dem Lobbyisten will er noch eine Zigarette rauchen, auf dem Balkon mit Blick über Straßburg. Der Sprecher von Digital Europe stellt seine schwarze Aktentasche auf den Boden. Im Gegensatz zur Musikindustrie könne er verstehen, dass die Piratenpartei den Sinn von Urheberrechtsabgaben infrage stellt, sagt der Lobbyist. "Musik für umsonst geht aber nicht", fügt er in Richtung Engström hinzu. Der nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, bläst den Rauch langsam aus und sagt freundlich lächelnd, aber sehr bestimmt: "Das sehen wir anders."
Die Piraten wollen, dass der Datentausch zwischen Menschen legal wird. Das gilt gerade auch für Musik. Wenige Stunden zuvor hat ein schwedisches Mitglied des Weltverbands der Phonoindustrie bei Engström angeklopft. Der Verband warnt, dass mit dem Programm der Piraten gerade kleine Bands zum Untergang verurteilt sind. "Davon überzeugen können wir Christian zwar nicht, aber wir versuchen es trotzdem", sagt der ältere Herr. Auch wenn sie bisher nur wenig Einfluss hätten, im Auge behalten wolle man die Piraten schon, erklärt der Industrieabgesandte.
Teil 2: Seine Mission im Parlament