"Mir erscheint die Prognose zu optimistisch", sagte Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Die Brüsseler Ökonomen rechnen für das kommende Jahr mit einer Stagnation in der Euro-Zone. Die Deutsche Bank hingegen geht von minus 1,4 Prozent aus. Dies sei noch nicht einmal eine besonders skeptische Rechnung, betonte Mayer.
Die Gründe für das starke Auseinanderklaffen der Wachstumserwartungen liegen weniger in den Unwägbarkeiten der Finanzkrise, deretwegen ohnehin hinter allen Vorhersagen ein Fragezeichen steht. Vielmehr sehen Experten dafür politische Gründe.
"Die Kommission hat sich als öffentliche Instanz gescheut, schlechtere Zahlen zu zeigen, weil das die Stimmung noch einmal verschlechtern würde. Die Prognose würde sich dann von selbst erfüllen", sagte Mayer. So sah das auch Gilles Moec, Europaspezialist der Bank of America.
Er machte einen weiteren Grund für den Optimismus der Brüsseler aus. "Die Kommission will nicht zu stark in Widerspruch zu den jeweiligen nationalen Vorhersagen geraten", sagte Moec. Den dies könnte Ärger mit den Regierungen bringen - und damit das gemeinsame Bemühen um Lösungen nach der Finanzkrise erschweren.
Ökonomen bemängelten, es gebe einen Widerspruch zwischen den konkreten Zahlen und dem doch eher düsteren Ton, den Wirtschafts- und Währungskommissar Joaquín Almunia bei der Vorstellung der Prognose gestern in Brüssel anschlug. "Das Risiko einer Rezession ist real", sagte der spanische Kommissar. "Der Horizont, den diese Prognose bietet, ist dunkel."
Trotzdem setzt die Kommission auf einen baldigen Aufschwung. "Ich hoffe, dass eine schrittweise Erholung in der zweiten Hälfte 2009 einsetzt", sagte Almunia. Die EU-Behörde geht davon aus, dass das Wachstum in den 15 Staaten der Euro-Zone von 2,7 Prozent 2007 auf 1,2 Prozent im laufenden Jahr sinkt und 2009 dann auf 0,1 Prozent. Doch bereits 2010 rechnet sie wieder mit einem Plus von 0,9 Prozent.
Brüssel rechnet mit Nullwachstum in Deutschland
In Deutschland, Europas größter Volkswirtschaft, rechnet Brüssel mit einem Wachstum von 1,7 Prozent im laufenden Jahr. 2009 folge dann ein Nullwachstum und 2010 eine deutliche Erholung mit einem Plus von 1,0 Prozent.
Für Frankreich und Italien rechnen die Kommissionsvolkswirte im kommenden Jahr mit einem Nullwachstum und 2010 mit einer Erholung, die aber schwächer als in Deutschland ausfallen dürfte.
Unter den großen EU-Volkswirtschaften steht vor allem Großbritannien schlecht da. Die Kommission rechnet für 2009 mit einem Minus von 1,0 Prozent und für 2010 mit einem leichten Plus von 0,4 Prozent.
"Wir haben momentan die schlimmste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg, aber die EU-Kommission stellt eine der mildesten Rezessionsprognosen seit dem Krieg. Eine Begründung dafür habe ich nicht vernommen", sagte Mayer. In den beiden großen Rezessionen in den 70er- und 80er-Jahren sei das Bruttoinlandsprodukt der Euro-Zone jeweils um 0,7 Prozent geschrumpft.
Moec wies zudem darauf hin, dass im kommenden Jahr robuste Vierteljahreszahlen für das Wachstum nötig seien, um für das gesamte Jahr 0,1 Prozent zu erreichen. "In der gegenwärtigen Situation ist das ziemlich optimistisch", sagte er. Die Ökonomen der Deutschen Bank zum Beispiel rechnen in den ersten drei Quartalen 2009 mit einem weiteren Schrumpfen der Wirtschaftsleistung.
Auch Almunia räumte ein, dass es unter Umständen stärker bergab gehen könnte als jetzt erwartet. Negativrisiken seien vor allem eine nochmalige Zuspitzung der Finanzkrise, ihr weiteres Übergreifen auf die Realwirtschaft sowie massive Korrekturen an den Immobilienmärkten einiger Staaten.
In einem Risikoszenario berechnete die Kommission die Folgen, die höhere Finanzierungskosten für die Unternehmen und eine schlechtere Kreditverfügbarkeit hätten. "Die Konsequenz dieses Schocks wäre ein Rückgang des Investitionswachstums um drei Prozentpunkte in den Jahren 2009 und 2010", schreibt sie in ihrer Vorschau. Negativ betroffen wären auch die privaten Verbraucher. Insgesamt könnte dies zu einem weiteren Rückgang der Wirtschaftsleistung um einen Prozentpunkt im kommenden Jahr führen und um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte 2010. Selbst damit zeigt sich die Kommission aber zuversichtlicher als viele Bank- und Institutsvolkswirte.