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Merken   Drucken   25.06.2012, 17:32 Schriftgröße: AAA

Euro-Krise: Griechenlands ignorante Retter

Die Rettung Griechenlands ist ein Feuerwerk von Fehlern. Besonders schlimm: Dass die wirtschaftliche Basis nicht stabilisiert wird. Doch das hat vor allem ideologische Gründe.
© Bild: 2012 AFP/LOUISA GOULIAMAKI
Kommentar Die Rettung Griechenlands ist ein Feuerwerk von Fehlern. Besonders schlimm: Dass die wirtschaftliche Basis nicht stabilisiert wird. Doch das hat vor allem ideologische Gründe.
von José Barrionuevo, Nikolaos Georgikopoulos, Emmanuel Hatzakis und Guillermo Nielsen

José Barrionuevo führte das Bankenteam an, das Argentiniens Schulden 2005 neu ordnete.

Nikolaos Georgikopoulos forscht am Zentrum für Planung und Wirtschaftsforschung (KEPE) in Athen.

Emmanuel Hatzakis ist Berater der griechischen Regierung.

Guillermo Nielsen war 2005 Chefunterhändler bei der Umschuldung Argentiniens.


Das Scheitern der Griechenland-Programme werten viele als Versagen Griechenlands. Bislang haben nur wenige in Betracht gezogen, dass die Programme selbst schuld sein könnten an der gegenwärtigen Misere.

Die bisherigen Programme sind daran gescheitert, dass sie auf einer isolierten und dogmatischen Weltsicht basieren, die von der tatsächlichen Funktionsweise der Finanzmärkte abweicht. Sie verlassen sich zur Wiederherstellung der Kreditwürdigkeit einzig auf den Cashflow - und auf fiskalpolitische Korrekturen. Krisen werden demzufolge beendet, indem man Liquidität bereitstellt - als seien die Krisen bloß ein Problem vorübergehender Mindereinnahmen. Ignoriert wird dabei, entschieden und strukturiert die Themen Zahlungsfähigkeit und Einnahmenstruktur anzugehen, die den Schuldendienst bisher unhaltbar machen. Denn leider ist die europäische Finanzkrise eine Solvenzkrise, nicht nur eine Liquiditätskrise. Wird nicht unverzüglich sichergestellt, dass die Schuldenstände wieder tragbar werden und die Bankbilanzen nachhaltig, wird sich die Krise weiter zuspitzen.

Nach der Griechen-Wahl sollte Europa die Sparvorgaben ...

 

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Der springende Punkt hier ist die mangelnde Erfahrung Europas im Umgang mit schweren Finanzkrisen. Die Wirtschafts- und Finanzprogramme für Griechenland sind wiederholt gescheitert, weil sie darauf abzielen, die Schulden später einmal, in vielen Jahren, tragbar zu machen oder auf einen konstanten Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts zu fixieren. Aus Sicht der Investoren müssten die Schulden aber sofort wieder tragbar sein. Weil nicht für Solvenz und Nachhaltigkeit gesorgt wurde, haben vier schwerwiegende Fehler die bisherigen Bemühungen zur Stabilisierung Griechenlands untergraben können.

Erstens: Dass die griechischen Staatsschulden nicht mit sofortiger Wirkung auf eine nachhaltige Basis gestellt wurden, war falsch. Die vergangenen Programme haben es versäumt, alle Verluste oder Wertberichtigungen richtig zuzuordnen und zu verbuchen, in einer Art, dass die verbleibenden Schulden von der griechischen Wirtschaft hätten getragen werden können. Bei der Beurteilung von Wertberichtigungen müssen wir immer bedenken, dass Abschreibungen die Folge unverantwortlichen fiskalischen Handelns in der Vergangenheit sind - und nicht das Ergebnis von gegenwärtigem Fehlverhalten. Was geschehen ist, ist geschehen und lässt sich nicht mehr ändern.

Weil aber diese Verluste oder Wertberichtigungen nicht gleich vollständig verbucht wurden, wurde der Kapitalzustrom ebenso begrenzt wie die Privatinvestitionen, die ansonsten das Wachstum gestärkt hätten. Kapitalzuflüsse und inländische Kredite hätten das Vakuum gefüllt, das die als Zeichen der Entschlossenheit durchgeführten fiskalpolitischen Korrekturen hinterlassen haben. So ist es kein Wunder, dass die Sparmaßnahmen auf sich gestellt den Konjunkturrückgang nur noch verschlimmert haben.

Zweitens: Die zum Beenden einer Finanzkrise zwingend nötige finanzielle Unterstützung wurde zugesagt, aber - und das ist das Problem - bevor und nicht nachdem alle Verluste zugewiesen waren und eine Umschuldung stattgefunden hat. Dadurch wurden die Schulden bei öffentlichen Gläubigern zum Teil des Problems. Die private Umschuldung, die Griechenland kürzlich verfolgt hat, resultierte in einer privaten Abschreibung von etwa 74 Prozent, betraf aber da nur noch rund 33 Prozent aller Schulden Griechenlands bei privaten und öffentlichen Gläubigern. Vor zwei Jahren hätte eine Abschreibung in Höhe von 74 Prozent ausgereicht, um eine tragbare Schuldenquote zu erreichen, aber heute nicht mehr. Denn heute hat Griechenland eine viel kleinere Wirtschaft und viel größere öffentliche Schulden. Deshalb benötigt es nun entweder weitere Wertberichtigungen auch auf die Staatsschulden bei öffentlichen Gläubigern oder eine Vorfinanzierung in großem Umfang.

Drittens: Weil keine Vorfinanzierung bereitgestellt, sondern häppchenweise vorgegangen wurde, hatte Griechenland keine echte Chance, eine erfolgreiche Strategie zur Beendigung der Krise zu verfolgen. Eine Vorfinanzierung würde Griechenland die Zeit geben, die es braucht, um glaubhaft zu signalisieren, dass der Schuldendienst nicht mehr gefährdet ist.

Viertens: Griechenland braucht eine neue Strategie zur Krisen-Lösung und ein Finanzierungsprogramm, das von der Reichweite europäisch und vom Ursprung her griechisch ist. Dabei müssen Griechenlands frühere Fehlversuche beim Erreichen der haushaltspolitischen Ziele als das angesehen werden, was sie sind: das Versäumnis, realistische Vorgaben zu machen, die auf einer breiten Grundlage wichtiger Ziele basieren - darunter auch Zielwerte für inländische Kredite, die Wachstum ermöglichen.

Um Erfolg zu haben, muss Griechenland durch eine vernünftige Strategie unterstützt werden. Dafür hat sich das Land am 17. Juni entschieden. Aber damit das funktioniert, muss sich auch Europas Führung schleunigst dafür entscheiden. Deutschland wird seine Führungsposition in einer integrierten Union geltend machen, wenn es Griechenland Luft zum Atmen gibt bei der Umsetzung langfristiger Strukturreformen. Deutschland kann so auch die Währungskrise beenden, die vor allem seinen eigenen Wohlstand und seine Wettbewerbsposition in der Weltwirtschaft gefährdet. Mit der Rettung eines kleinen Landes wird Deutschland Europa retten.

  • FTD.de, 25.06.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 26.06.2012 23:04:42 Uhr   Dennis: @John Doe

    Meinen Kommentar bzw. meine Antwort scheinen sie nicht zu lesen. Das hält sie aber nicht von einer Gegenargumentation ab. Ein Phänomen!
    Grundsätzlich bin ich übrigens der Meinung, dass in unserem Wirtschaftssystem der Staat alles andere als ein unabhängiger Akteur ist, vielmehr auf die Erfordernisse der Privatwirtschaft ausgerichtet ist. Die Politik - auch und gerade die Sozialpolitik - dient den Interessen der Privatwirtschaft. Dahinter steht der Gedanke, dass, wenn es der Wirtschaft gut gehe, es allen gut gehe. Die stetige Ankurbelung der Konjunktur und Schließung der gesamtwirtschaftlichen Nachfragelücke hat über die Jahrzehnte riesige Schuldenberge anwachsen lassen, weil die Rückführung der Staatsschulden in prosperierenden Zeiten auch aus parteipolitischem Opportunismus unterblieben ist. Also nicht nur Griechenland hat ein Schuldenproblem!
    Leider scheinen Sie sich aber so sehr in eigenen Gedankengängen zu bewegen, dass Sie darüber die Ausführungen anderer gar nicht wahrnehmen.

  • 26.06.2012 21:10:36 Uhr   John Doe: @Dennis
  • 26.06.2012 17:26:14 Uhr   Dennis: @John Doe
  • 26.06.2012 14:22:45 Uhr   Björn: Fürchtet die Griechen auch wenn sie Geschenk...
  • 26.06.2012 14:10:24 Uhr   EinBuerger: Danke, Griechenland!
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