Entwicklungsminister Corrado Passera ist der Praktiker im Kabinett von Mario Monti. Der 57-Jährige ist kein Professor oder Bürokrat, sondern war Chef der IT-Firma Olivetti, der italienischen Post und der größten Privatbank Italiens Intesa Sanpaolo. Erst kürzlich warnte Passera: "Der größte Wettbewerbsnachteil Italiens ist die geringe Arbeitsproduktivität." Italien habe hier in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren im Vergleich zum EU-Durchschnitt zehn Prozentpunkte eingebüßt, gegenüber Deutschland noch mehr. "Das müssen wir mit großer Eile angehen. Sonst ist die Gefahr groß, dass wir in vielen Sektoren aus dem Markt gedrängt werden."
Rom hat ein neues Thema entdeckt: Ging es in den ersten Monaten der Amtszeit darum, den Spread, die Renditedifferenz italienischer gegenüber deutschen Anleihen, zu senken, so wendet man sich nun dem Spread der Produktivität zu. Premier Monti bat Mitte des Monats Arbeitgeber und Gewerkschaften zu sich. Bis zum EU-Gipfel am 18. Oktober will er einen "Produktivitätspakt" in Brüssel präsentieren können. Erst hat der Ex-EU-Kommissar Italien vor der drohenden Pleite bewahrt, indem er den Staatshaushalt sanierte. Jetzt schickt er sich an, das Land wieder wettbewerbsfähig zu machen.
Die Zahlen sind alarmierend. Laut einem diese Woche veröffentlichten Bericht der OECD entwickelte sich die Arbeitsproduktivität - sie misst, wie viel innerhalb einer bestimmten Zeit produziert wird - in Italien in den vergangenen Jahren schwächer als in jedem anderen Industrieland. Das hatte Folgen: Die Lohnstückkosten stiegen, die Wettbewerbsfähigkeit sank.
Während der Krise hat sich die Situation für Italien nicht merklich verbessert. Schaut man sich die Produktivität an, so legte sie seit 2010 zwar leicht zu. "Das hat allerdings sehr stark mit dem Jahr 2010 zu tun, als die Wirtschaftsleistung schon anstieg, die Beschäftigung aber noch hinterherhinkte", sagt Andreas Scheuerle, Italien-Experte der Dekabank. Abgesehen davon sei die Produktivitätsentwicklung aber erschreckend schwach. So sind die Lohnstückkosten in Italien seit 2009 nahezu unverändert geblieben "In Spanien, Griechenland und vor allem in Irland sind sie dagegen bereits deutlich gesunken", sagt Matthias Thiel, Volkswirt der Privatbank M. M. Warburg.
Die Regierung Monti hat bereits einiges auf den Weg gebracht, was die Produktivität dauerhaft erhöhen könnte. Wichtigster Baustein ist die Arbeitsmarktreform, die Neuanstellungen und Kündigungen erleichtert. Die Richter haben allerdings auch künftig einen großen Spielraum. Sie entscheiden weiterhin mit darüber, ob eine Entlassung wirksam ist oder nicht, und können Firmen dazu zwingen, Mitarbeiter wieder einzustellen. "Es ist jetzt fundamental, die Effekte der Reform genau im Blick zu haben", sagt Fabiano Schivardi, Professor der Universität Cagliari.
Angepackt hat Monti auch Liberalisierungen. Er öffnete Berufszweige wie die des Notars und Apothekers. Auf dem Energiemarkt setzte er durch, dass der Öl- und Gaskonzern Eni den Netzbetreiber Snam abspalten muss. Erste Erfolge machen sich bemerkbar: Der Liberalisierungsindex des Wirtschaftsinstituts Bruno Leoni kletterte gegenüber dem Vorjahr um drei Prozentpunkte auf 52 Prozent. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte der italienischen Wirtschaft offen für Konkurrenz ist. "Das ist bemerkenswert. Die Regierung Monti hat hier einen richtigen Bruch mit der Vergangenheit vollzogen", so Bruno-Leoni-Volkswirt Carlo Stagnaro.
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Der Anpassungsbedarf Italiens ist jedoch noch gewaltig. Eine entscheidende Baustelle: Monti will dafür sorgen, dass sich die Löhne stärker als bisher nach der Produktivität richten. Die OECD empfiehlt, die Tarifbindung zu lockern und auch Abschlüsse auf Unternehmensebene zuzulassen. Einige Ökonomen fordern zudem Reformen im Bildungsbereich.
Die größte Herausforderung dürfte die Reform der öffentlichen Verwaltung sein. "Da brauchen wir den entscheidenden Durchbruch", sagt Giorgio Squinzi, Präsident des Arbeitgeberverbands Confindustria. Der zuständige Minister Filippo Patroni Griffi will bis Jahresende Vorschläge machen, wie die Produktivität der Behörden gemessen werden kann. So könnten dann auch Italiens Beamte nach Leistung bezahlt werden.
Bis die angeschobenen Reformen sich in den Daten niederschlagen, wird es nach Ansicht von Ökonomen aber wohl noch dauern. Hier haben Länder wie Irland oder Spanien einen Vorsprung: Dort setzte die Krise früher ein, dort erfolgten auch früher strukturelle Korrekturen.