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Merken   Drucken   31.01.2012, 13:37 Schriftgröße: AAA

Euro-Rettung: Verfrühte Rückkehr zur Routine

Der EU-Gipfel wurde bewusst unspektakulär gehalten. Nur glaubt deshalb keiner, dass die Krise der Euro-Zone vorbei ist. Der Vertrag zum Fiskalpakt schadet nicht - er hilft aber auch nicht.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Jesco Denzel
Kommentar Der EU-Gipfel wurde bewusst unspektakulär gehalten. Nur glaubt deshalb keiner, dass die Krise der Euro-Zone vorbei ist. Der Vertrag zum Fiskalpakt schadet nicht - er hilft aber auch nicht. von Peter Ehrlich  Brüssel
Die Finanzmärkte haben am Dienstag positiv auf den EU-Gipfel reagiert. Haben sie? Nein, sie haben ein Treffen gewürdigt, das nach dem Gipfel stattgefunden hat, zwischen dem griechischen Ministerpräsidenten Lukas Papademos und einigen EU-Verantwortlichen. Denn danach wurde angekündigt, dass das zweite Hilfspaket für Griechenland und die Privatsektorbeteiligung bis Ende der Woche stehen sollen. Darauf warten die Märkte: Auf Klarheit darüber wie der ständige Schwelbrand Griechenland gelöscht wird. Der Fiskalpakt, also die dritte, vierte oder fünfte Form des Schwurs zur Haushaltsdisziplin, wird als weit weniger wichtig erachtet. Kein Wunder, er wirkt ja auch nur mittelfristig.
Die Ergebnisse des EU-Gipfels bringen ...

 

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Den "Märkten" kann man vieles vorwerfen, aber eines nicht: Sie können recht gut zwischen politischer Rhetorik und echten Beschlüssen unterscheiden. Echte Beschlüsse sind die, die sich in Euro und Cent ausdrücken lassen. Davon aber gab es am Montag fast nichts.
Ob Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Kommissionspräsident José Manuel Barroso oder Ratspräsident Herman Van Rompuy - alle haben in den vergangenen Tagen viel von Wachstum geredet. Schön. Aber was wurde zur Wachstumsförderung beschlossen? Alle sollen an Strukturreformen arbeiten, darüber wird dann bei den nächsten EU-Gipfeln im März und Juni berichtet. "Schnelle Lösungen gibt es nicht", heißt es ja auch schon im Vorwort der Gipfelerklärung. Da schleicht sich die europäische Routine der Vorkrisenzeit wieder ein, in der Reformen nun einmal Jahre dauern.
Dann hat man entdeckt, dass es im EU-Sozialfonds und in den Strukturfonds noch Geld gibt, das nicht verplant ist, obwohl die gegenwärtige siebenjährige Finanzplanungsperiode Ende nächsten Jahres ausläuft. Zusammen geht es um rund 100 Mrd. Euro. Aber der Beschluss dazu klingt nicht so, als würde das Geld tatsächlich kurzfristig genutzt. Ein Zitat beschreibt das so: "Verbesserte Mobilisierung von Strukturfonds durch beschleunigte Durchführung bestehender Programme und Vorhaben und gegebenenfalls Umwidmung von Finanzmitteln und rasche Bindung von Finanzmitteln, die noch keinen spezifischen Vorhaben zugewiesen wurden, wobei der Schwerpunkt auf Wachstumsförderung und Schaffung von Arbeitsplätzen gelegt wird."
Nach den EU-Regeln heißt dies, dass jedes Land jetzt mit der EU-Kommission noch einmal neu über das Geld verhandeln muss, was ihm ohnehin zusteht. Das ist gut, weil die Zusagen oft nicht ausgeschöpft werden. Aber was nutzen einer riesigen Wirtschaft wie der italienischen 5 oder 10 Mrd. Euro in zwei Jahren? Interessant würde das Projekt erst, wenn Geld, das zum Beispiel in Deutschland oder den Niederlanden nicht gebraucht wird, in Staaten wie Portugal oder Spanien umgeleitet werden könnte.
Davon ist aber zunächst nicht einmal die Rede. Stattdessen werden vermutlich deutsche Ministerpräsidenten versuchen, schnell noch ein paar Projekte zu erfinden. Im Vorwort zum Wachstumsbeschluss heißt es, man müsse gebührend beachten, "dass die Wirtschaftslage der einzelnen Mitgliedsstaaten zunehmend divergiert". Beachten, aber nichts dagegen tun?

Teil 2: Die Regeln gegen Ausgabensünder sind putzig

  • FTD.de, 31.01.2012
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Kommentare
  • 31.01.2012 14:08:14 Uhr   Strichnid: Sozialabbaupakt

    Ich stimme nicht zu, dass der Stabilitätspakt nicht gefährlich sei. Im Gegenteil - auch wenn es derzeit noch nicht an den endgültigen Texten ablesbar ist, dürfte klar sein, wohin die Reise geht. Frau Merkel hat immer wieder klar gemacht, was sie für die geeignetste Methode hält um Haushalte in Ordnung zu bringen. Nämlich Ausgabenkürzungen und Angebotspolitik. Sie hat den Südeuropäern empfohlen länger zu arbeiten, weniger Urlaub zu machen und den Kündigungsschutz auszuhebeln. Sie hat sich für die Abschaffung von inflationsindizierten Löhnen und Renten ausgesprochen. Dabei hat sich bereits gezeigt, dass solche Maßnahmen die Wirtschaft in den Abgrund treiben. Die gegenteilige Politik zur Verbesserung der Staatsfinanzen, nämlich ein Abbau der Vermögens- und Einkommensungleichheiten per Steuergesetzgebung (und dabei meine ich nicht defizitverstärkende Steuersenkungen im unteren Bereich, sondern Steuererhöhungen im oberen) kommt bei ihr nicht vor. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass sie jemals dargestellt hat, wie sie gedenkt gegen die sich verschärfenden Ungleichheiten vorzugehen. Dabei werden diese nicht nur von den Menschen global, sondern auch von zahlreichen Ökonomen als eine der Hauptursachen der Krise erkannt. Sie hat sich auch noch nie für die bessere Eintreibung von Steuern ausgesprochen, weder hierzulande noch in Südeuropa - obwohl alle Welt die üblen Beispiele aufzählen. Kein einziger Vorschlag kam dazu bisher von ihr.
    Mit anderen Worten: Es ist völlig klar, dass es Merkel um die europaweite Durchsetzung neoliberaler Angebotspolitik geht, und keinesfalls um Stabilität. Sondern vielmehr um die Schwächung des Gemeinwesens. Das Vehikel dazu sollen die Staatsschulden sein, und hier spielt sie über Bande mit der Finanzoligarchie - denn beide haben etwas davon, diese Krise zu verlängern und zu verschärfen. Sie kann das Paket durchsetzen (die Shock-Strategie wie sie Klein beschrieb), die Banken verdienen prächtig an den Zinsen.
    Wenn am Ende der Stabilitätspakt die Demokratie faktisch aushebelt, wie das an dem neuerlichen Vorschlag des Sparkommissars abzulesen ist, dann wird sie gewonnen haben. Wenn nicht mehr die Völker und ihre Parlamente frei darüber entscheiden, WIE sie Staatsdefizite abbauen, sondern wenn die Maßnahmen von zentralisierten, deutsch kontrollierten Bürokratengremien oktroyiert werden.

    Das muss unbedingt verhindert werden, und Journalisten sollten den Vorgang weiter kritisch beobachten - insbesondere jeden Schritt, der faktisch einen weiteren Demokratieabbau bedeutet.

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