Die Frau blickt sorgenvoll von unten in die Augen des Soldaten, ihre Hand ruht auf seinem Herzen: Mit diesem Bild, gehalten in der Propaganda-Ästhetik der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts, wirbt das öffentlich-rechtliche Schweizer Fernsehen für seine Living-History-Serie "Alpenfestung - Leben im Réduit".
Die Rückschau mag den Schweizern ein wenig Trost spenden, denn das Alpenbollwerk ist keines mehr. Der Steuerstreit zwischen den USA und der Schweizer Großbank UBS, der internationale Druck auf das Bankgeheimnis, die peinliche Deklassierung der Schweiz durch die OECD - dies alles kratzt am helvetischen Selbstverständnis.
Nicht mehr Musterknabe, sondern Prügelknabe sei die Schweiz, stellt Peter Kaul, Honorarkonsul und Vizepräsident der Auslandschweizer-Organisation Deutschland, anlässlich der Jahreskonferenz resigniert fest. Die führende Westschweizer Kolumnistin Joëlle Kuntz schreibt in der Genfer Zeitung "Le Temps" gar, "eine Art Panik" habe das Land erfasst. Man werde sich plötzlich bewusst, dass der Status quo nicht mehr länger aufrechterhalten werden könne, wisse aber nicht recht, wie weiter: "Die Fiktion der absoluten Souveränität hat so lange gehalten, wie der Rest der Welt es zuließ."
Vielen Menschen in diesem Land sei "zum ersten Mal klar geworden, wie tief der Riss zwischen Mythos und Realität ist", sagt auch der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg jüngst. Und der Politikwissenschaftler Urs Bieri vom Forschungsinstitut GfS Bern, der als Verfasser der sogenannten Vox-Analysen zu den Abstimmungen in der Schweiz Trends in der öffentlichen Meinung sieht, stellt fest, dass in großen Teilen der Bevölkerung "etwas in Bewegung geraten ist". Es entstehe das Gefühl, "dass Abschottung machtpolitische Nachteile bringt".
Mit dem wachsenden internationalen Druck werden laut Bieri allerdings die klassischen Konfliktlinien bedient: Die Linke sehe sich in ihrem Kampf für Steuergerechtigkeit bestätigt, im rechtsbürgerlichen Lager werde "der Abschottungsreflex verstärkt". Für das rechte Lager ist der Druck von außen der Beweis dafür, "dass es das Ausland schlecht mit uns meint".