Draghi hat sich von solchen vordergründigen taktischen Erwägungen nicht beeindrucken lassen - und das völlig zu Recht. Die Euro-Zone steht am Abgrund, im Griechenland-Chaos verlieren die Märkte endgültig das Vertrauen in die Politiker der Länder der Währungsunion, und die jüngsten makroökononischen Daten lassen eine Rezession in Euroland als realistisches Szenario erscheinen.
Deshalb ist richtig, dass der neue EZB-Präsident mit der Absenkung des Leitzinses von 1,5 Prozent auf 1,25 Prozent Führung zeigt und nebenbei demonstriert, dass sich in der Krise zumindest die Notenbank als handlungsfähiger Akteur erweist. Dieses psychologische Signal hat möglicherweise größere Bedeutung als die Absenkung.
Pragmatismus ist Draghis Leitmotiv in der Krise. Vermeintliche Lehrbuchweisheiten über geldpolitische Prinzipien greifen in der aktuellen, beispiellosen Krisensituation nicht. Das gilt für die aktuelle Zinsentscheidung, das gilt aber auch für mögliche schwierige Beschlüsse zu einer Ausdehnung des Aufkaufprogramms für Staatsanleihen angeschlagener Euro-Länder. Leitprinzip muss sein, die Euro-Zone vor dem Absturz in die Rezession zu bewahren und das Überleben der Gemeinschaftswährung zu sichern.
Draghi und seine Kollegen im EZB-Rat haben mit dem Zinsschritt bewiesen, dass sie den aktuellen Herausforderungen gewachsen sind. Respekt, Herr Draghi! Bleibt zu hoffen, dass sich auch die Politiker der Euro-Zone endlich auf der Höhe der Herausforderungen zeigen und das Ihrige zum Fortbestand der Währungsunion tun.