FTD.de » Politik » Europa » Draghis weiser Plan
Merken   Drucken   02.08.2012, 19:42 Schriftgröße: AAA

EZB-Sitzung: Draghis weiser Plan

Leitartikel EZB-Chef Mario Draghi kündigt umfassende Schritte zur Stützung der Finanzmärkte an. Die Märkte reagieren gereizt – aber sein Plan ist klug und dringend notwendig.

Es ist ein kluger Schritt, zu dem sich die Europäische Zentralbank durchgerungen hat: Sie könnte bald wieder Staatsanleihen kaufen, um die gefährlich hohen Risikoprämien zu senken, die Krisenstaaten wie Spanien und Italien zahlen müssen, damit sie Geld an den Märkten bekommen. Gut so, dass EZB-Chef Mario Draghi seinen starken Worten von vergangener Woche, als er eine Art Bestandsgarantie für den Euro abgab, nun einen stimmigen und akzeptablen Plan nachliefert. Das war auch nötig.

Mario Draghi, EZB-Chef   Mario Draghi, EZB-Chef

Dass die Märkte erst einmal mit Kursverlusten auf Draghis Rede reagierten und die südeuropäischen Krisenstaaten sich vielleicht mehr erwartet haben, überrascht nicht. Denn Draghi knüpft Bedingungen an ein Aufkaufprogramm von Staatsanleihen: Bevor die Zentralbank zugreift, müssten die Staaten unter den europäischen Rettungsfonds schlüpfen - und die damit verbundenen Auflagen in Kauf nehmen. Dagegen wehren sich allerdings Spanien und Italien, die vermeiden wollen, dass sie ihre politischen Freiheiten durch Auflagen und Kontrollen aus Brüssel verlieren.

Ein lupenreiner Kompromiss: Hilfe zum Preis von Freiheitsverlust. Und eine neue Strategie, auf die man sich verständigen konnte, weil sie Bedingungen an alle Seiten stellt. Zuerst an die Krisenstaaten, für die die Aussicht auf EZB-Staatsanleihekäufe ein entscheidendes Argument sein könnte, doch unter den Rettungsschirm zu schlüpfen. Und an Staaten wie Deutschland, dass die Politik die Euro-Rettungsschirme erst aktivieren muss, bevor die EZB überhaupt daran denken kann einzugreifen.

Also nur Harmonie? Das wäre schön gewesen, um die psychologische Wirkung von Draghis Ankündigung nicht zu beeinträchtigen. Doch aus Deutschland kam Widerspruch, einmal mehr vom Chef der Bundesbank, Jens Weidmann, der offenbar als Einziger im EZB-Rat gegen Draghis Plan stimmte. Nicht nur Draghi ist verstimmt. Tatsächlich ist es unklug, in dieser Situation die Reihe des EZB-Rates zu durchbrechen. Der Bundesbankchef schürt Misstrauen, wo es um Vertrauensbildung gehen sollte - nichts anderes will die Notenbank in der Sommerpause erreichen.

Noch dazu, da Weidmann isoliert ist: Nicht nur die obersten Notenbanker Österreichs, Luxemburgs und Finnlands, die oft mit ihm auf einer Linie lagen, waren diesmal anderer Meinung. Sondern auch Jörg Asmussen, der zweite Deutsche im EZB-Rat. Jetzt wird es sehr darauf ankommen, wie Weidmann in den nächsten Wochen agiert. Torpediert er den Plan, unterhöhlt er die Glaubwürdigkeit der gesamten Aktion. Und die Hoffnung auf einen halbwegs ruhigen Spätsommer an den Märkten wäre dahin.

  • Aus der FTD vom 03.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 06.08.2012 15:02:30 Uhr   bege: @ aspi - Draghi war´s !

    1. Sie implizieren dass Herr Weidmann Internas öffentlich gemacht hat. Dem ist aber wohl nicht so!
    Google ist so freundlich und bringt als Ergebnis u.a. einen Artikel der Welt; "Draghi stellt Weidmann als Abweichler bloß" - und der FTD "Draghi brandmarkt Weidmann als Abweichler".
    Sie schreiben weiter: Zitatanfang - ...Wer sich öffentlich gegen die verabschiedete Meinung stellt, schadet der Institution und sollte seinen Hut nehmen!... - Zitatende.
    Demnach müsste also Herr Draghi seinen Hut nehmen, wenn man Ihrer Meinung folgt, was ich natürlich nicht möchte.
    2. Weiterhin bin ich selbstverständlich der Meinung dass solche Meinungsfindungen öffentlich gemacht werden müssen, denn es geht hier nicht um 3,80 sondern um das Vermögen des Staates, sprich seiner Bürger! Ich nenne das Demokratie!
    3. Und selbstverständlich geht es hier um VWL und Fakten, und nur darum! Was denn sonst? Gefühle?
    Und gerade Banken, um die es hier bei der Rettung geht, vergeben nach meiner Kenntnis Kredite idR. nur nach Prüfung von Fakten und NICHT nach Gefühlen.
    4. Wieviel das "Vertrauen in unsere Finanzinstitute" und deren "Können" wert ist hat man ja in den letzten Jahren deutlichst nachverfolgen können ;-)

    Letztlich kann verstimmt sein wer will. Hauptsache es wird kein gutes Geld dem schlechten hinterhergeworfen, und es werden Massnahmen zur Regulierung der FI-Branche getroffen. Und zwar dergestalt dass nicht mit den Einlagen der Sparer nach Belieben gezockt werden darf, dass nicht grenzenlos Geld vermehrt werden kann indem man Schattengesellschaften ins Leben ruft etc.... Habe ich aber alles schon an anderer Stelle erwähnt.

    Gruss
    bege

  • 03.08.2012 19:06:32 Uhr   aspi: Poker statt VWL
  • 03.08.2012 17:26:31 Uhr   bege: Ein noch weiserer Plan
  • 03.08.2012 14:35:04 Uhr   Steuerzahler: who the f* is Draghi?
  • 03.08.2012 12:06:25 Uhr   jugen: ein weiser Plan?
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