IOC-Vizepräsident Thomas Bach und der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger haben sich vehement gegen einen Boykott der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine ausgesprochen. "Boykotte haben sich in der Vergangenheit immer als ebenso sinn- wie erfolglos erwiesen. Alle Verantwortlichen haben das inzwischen erkannt", sagte Bach dem Radiosender hr-Info. "Eine Absage ist keine Alternative, damit haben wir in der Vergangenheit bei anderen Ereignissen überhaupt nichts erreicht. Das ist reiner Populismus", sagte Zwanziger dem Sender.
Damit distanzieren sich die beiden Sportfunktionäre von den Boykottdrohungen der Bundesregierung. Sie übt seit Tagen scharfe Kritik am Umgang mit der in Haft erkrankten Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwägt, ihren Ministern zu empfehlen, den EM-Spielen in der Ex-Sowjetrepublik fernzubleiben. Dies gilt nach einem Bericht des Magazins "Der Spiegel" für den Fall, dass Timoschenko nicht für eine angemessene medizinische Behandlung freigelassen wird. Die Ukraine ist mit Polen vom 8. Juni bis 1. Juli Gastgeber der EM.
Bach, Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), sagte, der Sport müsse "politisch neutral" sein. Nur dann könne er dazu beitragen, dass nicht Mauern gebaut, sondern Brücken errichtet würden. Ohne politische Neutralität würde der Sport zwischen den Fronten zerrieben werden", sagte Bach.
Auch Zwanziger hält nichts von einer Instrumentalisierung des Sports durch die Politik. "Wir treten ein für Rechtstaatlichkeit und Demokratie, und dann müssen wir das überall tun, wo wir hingehen", sagte der frühere DFB-Chef. Die deutsche Nationalmannschaft habe die Verpflichtung, das in der Ukraine zu tun. Er ermunterte die Spieler, sich zu den Menschenrechtsverletzungen zu äußern. "Das erwarten wir von einem mündigen Staatsbürger, der Fußball spielt", sagte Zwanziger.
Ein kurzfristiger Wechsel von EM-Spielen nach Deutschland ist nicht möglich. "Das bekäme man in so kurzer Zeit nicht hin", sagte der Turnierdirektor bei der Europäischen Fußball-Verband UEFA, Martin Kallen der "Süddeutschen Zeitung". Sollte generell eine EM nicht durchführbar sein - also auch in der Ukraine -, "gäbe es nur eine Möglichkeit: Dann müsste man an eine Verschiebung des Turniers denken, in ein anderes Jahr", sagte der Schweizer.
Die Boykottdrohungen stießen in der Ukraine auf Unverständnis. Er hoffe, dass dies nur eine "Zeitungsente" sei, sagte Außenamtssprecher Oleg Woloschin. "Man will gar nicht daran denken, dass die Staatsmänner Deutschlands fähig sind, die Methoden der Zeiten des Kalten Krieges wiederzubeleben und zu versuchen, den Sport zu einer Geisel der Politik zu machen", sagte Woloschin nach Angaben örtlicher Medien.
Mit ihrer Boykottdrohung gibt die Bundesregierung in der EU eine harte Linie gegen die ukrainische Regierung vor. Für Präsident Viktor Janukowitsch wäre es ein Affront, wenn Merkel und ihre Minister dem Turnier mit ausdrücklichem Verweis auf den Umgang der Regierung mit politischen Gegnern fernblieben. Selbst bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking, zu denen kein Vertreter des Bundeskabinetts angereist war, hatte die Bundesregierung öffentlich erklärt, dass dies nicht mit der Menschenrechtslage zusammenhänge.
Der Protest gegen die Behandlung Timoschenkos weitet sich auf andere EU-Länder aus. Nach Bundespräsident Joachim Gauck und dessen österreichischen und slowenischen Amtskollegen sagte auch der tschechische Staatschef Václav Klaus seine Reise zum geplanten Gipfeltreffen mitteleuropäischer Präsidenten Mitte Mai in der Ukraine ab. Als Hauptgrund nannte der Sprecher des tschechischen Präsidenten den Fall Timoschenko.
Die Beziehungen zwischen Tschechien und der Ukraine sind gespannt, seit Prag Timoschenkos Ehemann Alexander Timoschenko im Januar Asyl gewährte. Ein Jahr zuvor hatte der EU-Mitgliedsstaat bereits den ukrainischen Ex-Wirtschaftsminister Bogdan Danilischin aufgenommen.
An Timoschenkos Haftort in Charkiw wies die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe der Politikerin zurück, sie sei bei einem erzwungenen Transport in eine Klinik vor einer Woche geschlagen worden. Keiner der Ärzte oder Krankenpfleger habe dies bei einer Befragung bestätigt, sagte ein Justizsprecher dem Fernsehsender 5 Kanal. Die frühere Regierungschefin befindet sich nach eigenen Angaben seit dem 20. April im Hungerstreik.