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Merken   Drucken   29.09.2005, 11:55 Schriftgröße: AAA

Frage des Tages: Wieso werden zwei Orte in Nordafrika zum Tor nach Europa?

Sie kommen mit selbst gebastelten Leitern und im Schutz der Dunkelheit. Tausende Afrikaner versuchen seit Monaten immer wieder, den Grenzzaun zu überwinden, die die spanischen Exklaven Melilla und Ceuta in Nordafrika von Marokko trennt - in der Hoffnung auf ein besseres Leben. von Ludwig Greven
Die Karte zeigt die Lage der spanischen Exclaven in Marokko   Die Karte zeigt die Lage der spanischen Exclaven in Marokko
Dass den Flüchtlingsstrom seit etwa einem Jahr stark zugenommen hat, hat zwei Ursachen: Zum einen hat es die Regierung in Madrid erschwert, mit dem Boot von Afrika über das Mittelmeer illegal nach Spanien zu gelangen. Die Spanier haben an der Südküste der iberischen Halbinsel ein elektronisches Überwachungssystem errichtet, dem kaum etwas entgeht. Die Zahl der Bootsflüchtlinge ist seither deutlich gesunken.
Viele der illegalen Zuwanderer betrachten nun vor allem die zu Spanien gehörende Stadt Mellila an der nordmarokkanischen Küste als "Tor nach Europa". Deshalb ist Spanien dort wiederum dabei, den mit Stacheldraht, Wachtürmen, Nachtsichtkameras und Richtmikrophonen bewehrten Zaun entlang der zehn Kilometer langen Grenze um die Exklave von drei auf sechs Meter zu erhöhen. Viele Afrikaner sehen offenbar jetzt die letzte Chance, über den Zaun auf spanischen Boden und damit in die "Festung Europa" zu gelangen. Sie wählen dafür Stellen, an denen der Zaun noch nicht erhöht ist.
Mellila erlebte in letzter Zeit fast allwöchentlich einen solchen "Ansturm der Verzweifelten." Seit Jahresbeginn haben nach Schätzungen der Behörden etwa 12.000 Flüchtlinge versucht, die doppelte Sperranlage zu überwinden. Die meisten wurden von spanischen Beamten mit Knüppeln und Gummigeschossen auf marokkanisches Gebiet zurückgetrieben. Ein paar Hundert kamen durch. Mehrere Afrikaner bezahlten das Vorhaben mit ihrem Leben.
Afrikanische Flüchtlinge in einem provisorischen Auffanglager in ...   Afrikanische Flüchtlinge in einem provisorischen Auffanglager in Melilla
Flucht-Odyssee durch die Wüste
Die Afrikaner scheinen in ihrer Verzweiflung zu allem entschlossen zu sein. Denn sie haben in der Regel eine wahre Odyssee hinter sich. Sie kommen aus zum Teil extrem armen Ländern wie Nigeria, Kamerun oder Mali. Um den Zaun von Melilla zu erreichen, sind sie häufig monatelang unterwegs und haben - teils als blinde Passagiere, teils zu Fuß - die Sahara, Algerien und Marokko durchquert.
Diejenigen, die es schaffen, die Grenzsperren zu überwinden, können in aller Regel nicht abgeschoben werden. Sie haben meist ihre Papiere vernichtet und geben falsche Heimatländer an. Viele Staaten südlich der Sahara weigern sich zudem, die Ausgewiesenen aufzunehmen. So werden die Flüchtlinge zunächst in einem Auffanglager in der 68.000-Einwohner-Stadt untergebracht, das derzeit völlig überfüllt ist.
Nach einigen Wochen dürfen sie dann meist aufs spanische Festland - und haben damit ihr Ziel erreicht. Im günstigsten Fall erhalten sie eines Tages sogar das Bleiberecht, wenn Spanien - wie schon häufiger geschehen - wieder einmal eine Aktion zur Legalisierung von Ausländern startet.
Streit mit Marokko um Exklaven
Die Lösung des Flüchtlingsproblems ist auch deshalb schwierig, weil sich Spanien und Marokko seit langem um die beiden ursprünglich von Phöniziern gegründeten Städte streiten. Marokko erhebt Anspruch auf die beiden Exklaven, die seit Jahrhunderten zu Spanien gehören. Die Regierung in Madrid will auf sie jedoch nicht verzichten.
Vor drei Jahren eskalierte der Konflikt: Marokko besetzte die vor seiner Küste liegenden, aber von Spanien beanspruchten unbewohnten Petersilien-Inseln. Spanische Soldaten vertrieben wenig später die Besetzer. Erst in den vergangenen Monaten zeichnete sich eine Entspannung zwischen den beiden Ländern ab, die jetzt auch zu einem Gipfeltreffen der beiden Regierungschefs führte.
  • FTD.de, 29.09.2005
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