Wie groß der Abstand ist! An der Stirnseite des Ehrenhofs im Hôtel des Invalides sind drei überlebensgroße Bilder von Charles de Gaulle angebracht, dem Gründer der französischen Fünften Republik. Davor zu Pferd Soldaten der Republikanischen Garde. Vor dieser Kulisse sieht die Bühne klein aus, auf der der jüngste Präsident jener Republik steht und sich müht, sich in das Erbe ihres Helden einzuschreiben.
Hat nicht de Gaulle gemacht, was Sarkozy macht? Wie er habe de Gaulle Linke in die Regierung geholt, sagt Sarkozy. "Er fand den Staat am Rand der Pleite vor und hat Wirtschaft und Finanzen wieder in Ordnung gebracht", sagt Sarkozy. "Für uns", sagt er, hätten dessen Ideen mehr zu sagen als damals, "weil sich noch nie eine solch tiefe Identitäts- und Moralkrise in unserem Land breitgemacht hat wie heute."
Es sieht aus, als wolle Sarkozy mit den großen Ideen nicht nur die allgemeine Sinnkrise bekämpfen, sondern vor allem seine persönliche. Seit Wochen probiert der Präsident philosophische, religiöse und historische Begründungen seiner Politik durch. Er reist demonstrativ zum Papst, spricht über Gott und das "immense Bedürfnis nach Spiritualität". Er gibt der "Abwesenheit Gottes" die Schuld an "den großen Dramen des 20. Jahrhunderts". Er ruft die "Politik der Zivilisation" des linken Philosophen Edgar Morin zum Programm aus. Er sucht Anschluss bei revolutionären Helden und Résistance-Kämpfern.
"Eine Nation ist groß, wenn sie große Entwürfe hat", sagte Sarkozy am Wochenende programmatisch an der Résistance-Gedenkstätte Mont Valérien. Zuvor verordnete er eine neue Form des Holocaustgedenkens. Schulkinder sollten sich ermordete Kinder als Paten wählen. Es passt in diese Reihe von Geschichts- und Ideenpolitik, dass nun hier an diesem Freitag im Februar im Hôtel des Invalides das Historial Charles de Gaulle eingeweiht wird, ein Museum für den Gründer.
Zwar haben Frankreichs Staatschefs stets gern Zuflucht bei Geschichte und Philosophie gesucht, um Politik zu rechtfertigen. Aber bei Sarkozy verblüfft die Häufung. Es begann mit seinem Absturz in den Umfragen. Es nahm zu, als Sarkozy Oberflächlichkeit vorgeworfen wurde, seine Jetset-Reisen, die in den Medien inszenierte Scheidung und das Anbandeln mit Carla Bruni. Laut den am Sonntag veröffentlichten jüngsten Umfragewerten äußern sich nur noch 38 Prozent der Franzosen zufrieden mit Sarkozy. Er ist schon fast so tief gefallen wie vor ihm nur Jacques Chirac 1995. Der war für Sarkozy stets in jeder Beziehung das Negativbeispiel.
Teil 2: Die spirituelle Erweckung hat nichts genutzt