Adalbert Winkler ist Professor für International and Development Finance an der Frankfurt School of Finance & Management.
Zur Bekämpfung der Euro-Krise wird derzeit über einen unlimitierten Rettungsschirm diskutiert, der stets auf den Märkten eingreifen könnte, weil er sich bei der Europäischen Zentralbank (EZB) refinanzieren dürfte. Die Reaktion der Bundesregierung und der Bundesbank auf diesen Vorschlag fällt negativ aus. In diversen Blogs ist gar vom Irrenhaus die Rede, das schleunigst zu verlassen sei. Diese Positionen sind angesichts der herrschenden Meinung der deutschen Wirtschaftswissenschaft verständlich. Aber sind sie auch berechtigt?
Vielleicht hilft ein Rückblick in die deutsche Geschichte, um die Frage zu beantworten. Vor 80 Jahren, im Jahr 1931, war Deutschland mit den gleichen Problemen konfrontiert wie die europäischen Krisenstaaten heute: Ein auf ausländischem Kredit basierender Wirtschaftsaufschwung war als Folge der globalen Finanzkrise und der Umkehr der Kapitalflüsse in eine tiefe Rezession umgeschlagen. Politische und ökonomische Ereignisse hatten die Kapitalflucht weiter verstärkt. Und wie die Krisenländer heute war Deutschland Teil eines Systems fester Wechselkurse, des Goldstandards.
Nach dem Zusammenbruch der größten österreichischen Bank im Mai 1931 kam es in Deutschland zu einer Bankenkrise. Der Interbankenmarkt trocknete aus, und bald geriet eine der fünf Großbanken, die Danat-Bank, in erhebliche Liquiditätsschwierigkeiten. Die Bankenkrise drohte sich zu einem regelrechten Bank-Run auszuweiten. Doch die Reichsbank konnte nicht mehr eingreifen. Der Goldstandard verpflichtete sie, 40 Prozent der im Umlauf befindlichen Banknoten zur Goldparität - dem festen Wechselkurs der Reichsmark zu Gold - über Goldreserven zu decken. Angesichts der Kapitalabflüsse, getrieben von heimischen Sparern und ausländischen Investoren, war dieser Mindestsatz erreicht.
Reichsbank-Präsident Hans Luther, vormals jener Finanzminister, der nach der Hyperinflation 1923/24 die Reichsmark stabilisierte und sich dann in seinem ganzen Denken der auch heute in Deutschland herrschenden ökonomischen Meinung verpflichtet sah, versuchte daher, Notkredite der Partnerzentralbanken innerhalb des Goldstandards zu erhalten. Die Bank of England zeigte sich offen - auch weil sich ihr Gouverneur über die negativen Konsequenzen eines Zusammenbruchs des deutschen Finanzsystems beziehungsweise eines Austritts Deutschlands aus dem Goldstandard für sein Land im Klaren war. Doch die Hauptgläubigerländer, Frankreich und die Vereinigten Staaten, waren weniger entgegenkommend.
Ihre Argumente ähnelten denen der heutigen Euro-Debatte in Deutschland: zu riskant, inflationär, Deutschland soll seine Hausaufgaben machen, es hat über seine Verhältnisse gelebt. So kam es zu einem Notkredit in Höhe von 100 Mio. Dollar. Das war viel Geld, aber bereits nach drei Wochen stand die Reichsbank wieder vor der Frage: Zusammenbruch des deutschen Finanzsystems oder Austritt aus dem Goldstandard?
Erneut bemühte sich der Reichsbank-Präsident um Finanzhilfe. Gegenüber dem Gouverneur der Bank of England sprach er von der Notwendigkeit eines unbegrenzten Kredits. Andernfalls würde Deutschland zusammenbrechen. Doch Luther war sich im Klaren darüber, dass die Reichsbank keinen unbegrenzten Kredit erhalten würde. Die herrschenden politischen und ökonomischen Gegebenheiten sprachen dagegen: Die Kreditgeber und Deutschland hatten sich noch 13 Jahre zuvor im Krieg als Feinde gegenübergestanden; die Partner waren nicht über eine gemeinsame Währung, sondern nur über einen festen Wechselkurs miteinander verwoben.
Aber ökonomisch war Luthers Forderung genauso sinnvoll, wie sie es heute ist: Wenn man eingreifen will, sollte man es unbegrenzt tun. Denn jede Begrenzung wirft die Frage auf: "Was ist, wenn die Mittel erschöpft sind?" Da niemand diese Frage beantworten kann, verkaufen Anleger und Sparer weiter. Die Wirkung des Kredits verpufft. Das Ergebnis ist die schlimmste aller Welten: Kreditvergabe und Zusammenbruch.
Genau dies war das Ergebnis vor gut 80 Jahren, im Jahr 1931. Deutschland erlebte einen Bank-Run und verabschiedete sich vom Goldstandard. Die Rezession wurde zur Depression. Die Ansteckungseffekte waren ebenfalls sofort spürbar: Zwei Monate später lösten sich England und weitere Staaten vom Gold. Die Vereinigten Staaten folgten im Frühjahr 1933, Frankreich 1936. Und vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion ist auch interessant, dass die Gläubigerländer mit ihrer Verweigerungshaltung nichts von dem schützen konnten, was sie erhalten wollten: den Goldstandard, den wirtschaftlichen Aufschwung, den Wert ihrer Auslandsforderungen und - teilweise - die Stabilität ihrer Bankensysteme.
Ganz bewusst klammere ich die weitere politische Entwicklung, die dem Juli 1931 folgte, aus. Es soll auch nicht nur im Ansatz suggeriert werden, dass die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler eine (in)direkte Folge der damaligen Kreditentscheidungen war. Vielmehr soll die Argumentation auf den ökonomischen Kern des Beispiels fokussiert bleiben. Dieser lautet: Die ökonomischen Kosten der Nichtrettung Deutschlands waren wohl mindestens so hoch, wie es die Kosten der Rettung gewesen wären.
Es wäre daher gut, wenn sich Bundesregierung und Bundesbank heute an beides erinnern würden: dass auch Deutschland einmal um unbegrenzten Kredit bat und dass es den damaligen Kreditgebern nichts nutzte, sich diesem Ansinnen zu verweigern. Unbegrenzter Kredit kann sinnvoll sein, gerade wenn man nicht im Irrenhaus landen will.