Melvyn Krauss ist emeritierter Wirtschaftsprofessor an der New York University.
Die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) muss die Linie der Bundesbank widerspiegeln, sonst verliert die EZB die unerlässliche Unterstützung der Deutschen. An dieser Annahme wurde seit Gründung des Euro eigentlich nie gerüttelt. Doch die Tatsache, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel die Anleihekäufe der EZB befürwortet, gegen die die Bundesbank so vehement opponiert, könnte dazu führen, dass die gängige Meinung auf den Kopf gestellt wird.
Umfragen zufolge sind derzeit 50 Prozent der Deutschen gegen das EZB-Programm zum Kauf von Staatsanleihen, 37 Prozent können nichts dazu sagen, und nur 13 Prozent befürworten das Programm. Eines scheint gewiss: Merkel ist trotz und nicht wegen ihrer Unterstützung der Anleihekäufe beliebt.
Die stabile Popularität der Bundeskanzlerin dürfte auf das Anleihekaufprogramm abfärben. Starke Führungspersönlichkeiten können die Denkweise der Menschen verändern. Man bedenke, ganze 37 Prozent der Deutschen sind mit Blick auf die Anleihekäufe unentschlossen. Je mehr Merkel von der Bundesbank und anderen wegen der Anleihekäufe angegriffen wird, desto mehr ihrer Anhänger werden sich hinter dieses Instrument stellen, selbst wenn sie Zweifel hegten.
Es gibt noch andere Gründe, warum ich davon ausgehe, dass sich die Haltung der Deutschen zugunsten der Anleihekäufe ändern wird: Die Deutschen scheinen sich derzeit weniger mit ihrer traditionellen Sorge - der Inflation - zu beschäftigen als mit der Tatsache, dass zur Rettung des Euro immer mehr Geld in Europas Peripherieländer fließen muss. Es ist ihr gutes Recht, dem Argument der Bundesbank gegenüber misstrauisch zu sein, das da lautet: Ohne die Anleihekäufe der EZB würden zwar die Zinsen in den südlichen Ländern steigen, doch der Euro könnte ohne neue substanzielle Geldtransfers in diese Länder überleben. Ich bin aber der Ansicht, dass die Deutschen die Anleihekäufe der EZB mit der Zeit als nützliches Hilfsmittel erkennen werden, um weitere Geldtransfers nach Südeuropa auf ein Minimum zu reduzieren. Es ist ermutigend, dass sich die Märkte ruhig verhalten, seitdem die EZB ihr Anleihekaufprogramm angekündigt hat. Je ruhiger die Märkte, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass Merkel verzweifelte Anrufe erhält, mehr Geld für die Euro-Rettung bereitzustellen.
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Bundesbankpräsident Jens Weidmann scheint das nicht zu verstehen. Mit seinen unablässigen Attacken gegen die Anleihekäufe vermittelt er den Eindruck eines Don Quichotte und fügt gleichzeitig der Institution, die er repräsentiert, erheblichen Schaden zu. Auf heutige Probleme mit Lösungen von gestern zu reagieren geht nicht.
Für die Bundesbank und ihren 44-jährigen Präsidenten naht der Tag der Abrechnung. Höchstwahrscheinlich wird Spanien vor Ende dieses Monats Hilfen beantragen. Die daran geknüpften Auflagen werden hart sein, was Weidmann die Chance bieten könnte umzuschwenken, ohne das Gesicht zu verlieren. Kommt Weidmann zu der Erkenntnis, dass er mit dem EZB-Anleihekaufprogramm einfach nicht leben kann, dann sollte er seinen Sessel räumen und jemandem Platz machen, der es kann. Hier stehen nicht weniger als die Glaubwürdigkeit und der Einfluss der Bundesbank auf dem Spiel.