Die Griechen fragen sich, ob ihr Land noch weitere Einschnitte ertragen kann. In den Städten entlädt sich der Zorn - gegen das "deutsche" Spardiktat und die eigene politische Klasse.
von Marina ZapfBerlin
Am Tag danach ist Athen ein Scherbenhaufen. Die Wut der Griechen gegen das Spardiktat der Regierung zu Hause, gegen die EU im fernen Brüssel und gegen die bösen Deutschen, sie hat sich mit einer Gewalt entladen, die niemand erwartet hatte: Mehr als 45 Gebäude brannten aus, 150 Geschäfte wurden geplündert und teils vollständig demoliert. Das älteste Kino der Metropole qualmt nur noch. Rund 100 Menschen wurden verletzt, darunter 68 Polizisten.
Drei Tage lang hatten Demonstranten die Hauptstadt und die Polizei in Atem gehalten. Erst standen sie Auge in Auge, wie Krieger - nur Schutzschilde und Trommeln trennten Demonstranten und Polizisten. Später am Abend lieferten sie sich Verfolgungsjagden.
Ausschreitungen
Flammen in Athen
Zentrum des Aufstands war wie so oft der zentrale Syntagma-Platz vor dem Parlament, das am Sonntagabend über das neue Sparprogramm abstimmte. Mit Kapuzen und Motorradhelmen vermummte Gestalten demolierten Marmorbalustraden und bewarfen Polizisten mit schweren Gegenständen und Brandsätzen.
Allmählich drängten die Sicherheitskräfte in dichten Reihen die Menge unter massivem Einsatz von Tränengas zurück. Entsetzte Demonstranten und Touristen suchten Zuflucht in den Lobbys der umliegenden Hotels. Die Randalierer hinterließen auf ihrem Rückzug eine Spur der Zerstörung. Am Ende kräuselten sich dunkle Rauchsäulen über den Dächern der Stadt. Kinos, Cafés, Geschäfte und Banken standen in Flammen.
Griechenlands Ministerpräsident Lucas Papademos im griechichen Parlament anlässlich der Abstimmung über das Sparpaket
Die Wut der Bürger entlud sich auch in Gewalt auf den Straßen der Städte Thessaloniki, Volos und Agrinio, berichtete das Staatsfernsehen. Sogar die Ferieninseln Korfu und Kreta erlebten kleinere Ausbrüche. Premier Lucas Papademos sprach später von den schlimmsten Unruhen seit 2008, als Polizisten bei Zusammenstößen einen Jugendlichen getötet hatten.
"Vandalismus, Gewalt und Zerstörung haben keinen Platz in einer Demokratie und werden nicht toleriert", sagte Papademos, bevor die Abstimmung im Parlament begann. Sie sollte den Weg für ein neues Kreditprogramm von EU und IWF frei machen. Vor einer "sozialen Explosion" hatte er gewarnt, sollten die Abgeordneten nicht zustimmen und das Land einer ungeordneten Insolvenz ausliefern.
Nach den Bildern der Nacht zu urteilen ist Griechenland nicht weit davon entfernt - mit Staatspleite oder ohne. In den Umfragen führt jene konservative Partei, die stets davor gewarnt hatte, das Land kaputt zu sparen. "Die Menschen haben am Montag eine Botschaft geschickt: Genug ist genug", sagte Ilias Iliopoulos, Generalsekretär der Gewerkschaft Adedy für öffentliche Angestellte. "Sie halten das nicht mehr aus."
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