Ein kaltblütiger Hedge-Fonds-Manager und ein Ex-Knacki werden von Großbritanniens Königin mit höchsten Würden ausgezeichnet. Der milde Umgang mit reuigen Sündern hat Tradition - und lässt noch von ganz anderen Ehrungen träumen.
von Christine MaiFrankfurt
Die britische Königin hat ein großes Herz. Queen Elisabeth II. verzeiht so ziemlich alles - vor allem Marktmanipulationen, Attacken auf heimische Geldinstitute inklusive. Vorausgesetzt, die Sünder leisten Außerordentliches für das Königreich.
Diesen Schluss lassen zumindest die jüngsten Auszeichnungen mit Orden und Ehrenzeichen durch die Queen zu. Zweimal jährlich, zu Neujahr und im Juni, werden Listen mit den Namen derer veröffentlicht, die für besondere Leistungen etwa in Wissenschaft, Kunst, Sport sowie für ehrenamtliches oder wohltätiges Engagement ausgezeichnet werden. Auch wenn die Königin nur formal entscheidet, die Namen werden ihr von der Regierungsspitze vorgelegt: Sie ist diejenige, die die Auszeichnungen in feierlichen Zeremonien verleiht. 96 Seiten ist die aktuelle Liste lang, 984 Menschen erhalten die unterschiedlichen Orden, einige von ihnen sogar die größte Ehre: den Ritterschlag.
Queen Elizabeth II. bei einer Parade
Und unter ihnen finden sich Menschen, denen man zumindest ein zeitweise eher wenig gesellschaftsdienliches Verhalten vorhalten kann. Wie zum Beispiel Paul Ruddock. Der Leiter des berühmten Victoria and Albert Museum in London wird für seinen Dienst an der Kunst zum Ritter geschlagen. Kritikern stößt das übel auf - ist Ruddock doch hauptberuflich Mitgründer und Chef des Hedge-Fonds Lansdowne Partners, der in der Finanzkrise auf den Niedergang der britischen Banken Northern Rock und HBOS gewettet hatte.
Im Nachgang des großen Parteispendenskandals von 2006 und 2007 stören sich viele auch an Ruddocks Geldgeschenken an die konservative Partei des heutigen Regierungschefs David Cameron. Bei der Affäre ging es zwar um Spenden und Kredite, für die die damalige Labour-Regierung im Gegenzug Sitze im britischen Oberhaus verteilt haben soll. Die Opposition nutzt aber die Gelegenheit, über Ruddocks Spenden in Höhe von 500.000 Pfund (600000 Euro) an die Tories zu mäkeln.
Alle Freunde der Hochkultur dürfte es schrecken, dass ausgerechnet im Heimatland des altehrwürdigen Senders BBC auch Peter Bazalgette zum Ritter geschlagen wird. Als einer der führenden Köpfe der Fernsehproduktionsfirma Endemol hatte er maßgeblich zur weltweiten Verbreitung der Reality-TV-Sendung "Big Brother" beigetragen.
Ein Verbrechen ganz anderer Art hängt Gerald Ronson nach, der für sein philantropisches Engagement den Titel Commander of the Order of the British Empire (CBE) bekommt. Der Immobilienunternehmer hat wohltätigen Organisationen mehr als 30 Mio. Pfund gespendet. Darunter sind Vereinigungen, die sich wie der Prince's Trust für Kinder und Jugendliche einsetzen.
Doch alles wird überschattet von einem Skandal aus den 1980er-Jahren: Ronson war einer der "Guinness Four", die damals versucht hatten, den Kurs der Aktie des Bierbrauers in die Höhe zu treiben. Das sollte die Übernahme der größeren schottischen Getränkefirma Distillers erleichtern. Wie seine drei Mitstreiter wurde Ronson verurteilt, von einer einjährigen Haftstrafe saß er sechs Monate ab. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied zwar später, der Prozess gegen Ronson sei unfair gewesen. Kassiert wurde das Urteil aber nie.
Die Großzügigkeit hat Tradition. So wurde 2011 Roger Carr zum Ritter geschlagen, der frühere Verwaltungsratschef von Cadbury, der den Verkauf des britischen Traditionsschokoladenherstellers an den US-Rivalen Kraft gesteuert hatte. Und so sind auch künftig ganz große Gesten denkbar. Wie wäre es mit einer Ehrung für Nick Leeson? Der Händler, der 1995 den Kollaps der britischen Investmentbank Barings verursacht hatte, engagiert sich mittlerweile im Kampf gegen Krebs. Wenn sich Adam Applegarth, unter dessen Leitung Northern Rock in die Katastrophe schlitterte, noch eine philantropische Tätigkeit sucht, ist für ihn bestimmt auch ein Titel drin. Und vielleicht erbarmt sich die Queen sogar Fußballspielern wie Chris Waddle, Gareth Southgate oder Paul Ince. Sie gehören zu den Unglücksraben, die bei großen Turnieren Elfmeter verschossen haben. Ihnen zu vergeben wäre wahre Größe.
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