Der Bürgermeister von Jaramillo Quemado sucht seine Bürger. "Wo bist du?", ruft David Sebastián in sein Handy. Am Ortseingang vor dem Kinderspielplatz ist niemand zu sehen. Und auch der Kirchplatz auf dem Hügel ist menschenleer. Vor der Haustür eines alten Bauernhofs taucht plötzlich Familie Ortega mit Vater, Tochter und Sohn auf. Jetzt fehlen nur noch zwei Bürger, dann ist die Gemeinde von Jaramillo Quemado komplett.
Das kleinste Dorf Spaniens hat nur fünf Einwohner. Und damit ist der Ort in der nördlichen Provinz von Kastilien und León eines von vielen spanischen Dörfern, in denen die Zahl der Häuser die der Einwohner um ein Vielfaches übersteigt. Von insgesamt 8116 spanischen Gemeinden haben mehr als die Hälfte weniger als 1000 Einwohner. Spaniens konservative Regierung plant deshalb nun eine Kommunalreform. 3,5 Mrd. Euro soll sie jährlich einsparen. Denn in vielen dieser kleinen Gemeinden herrscht Missmanagement und Vetternwirtschaft. Steuergelder fließen oft in zweifelhafte Projekte und treiben nicht nur die Ausgaben der Kommunen, sondern auch der 17 autonomen Regionalregierungen in die Höhe.
"Was für wunderbares Gras", ruft Bürgermeister Sebastián und marschiert über die vertrockneten Grashalme einer Weide auf ein drei Meter langes Betonbecken zu, das mit Solarpanel und Hightechpumpe ausgestattet ist. "Jetzt fehlen hier nur noch Rinder", sagt er. Auf den Weiden seines ausgestorbenen Dorfes will der Bürgermeister eine Nobelzucht für Qualitätsfleisch schaffen, das weltweit exportiert werden soll. Einen Bauern, der den Neustart in dem verlassenen Dorf wagt, hat der Dorfchef zwar noch nicht, erst Ende des Jahres will er eine landesweite Anzeige schalten. Aber die Steuergelder fließen bereits.
Die vier Wasserstellen auf dem Gelände haben 30.000 Euro gekostet, der zehn Kilometer lange Zaun um das Gelände 100.000 Euro. Insgesamt summieren sich die Kosten der Finca schon jetzt auf das Dreifache der Jahreseinnahmen des gesamten Dorfes. Für die Kosten der Nobelfinca kommt die Gemeinde zu einem Drittel auf. Die Provinzregierung in Burgos und die autonome Regierung von Kastilien und León zahlen den Rest.
Dabei hat Jaramillo Quemado die Viehzucht seit Jahrzehnten hinter sich gelassen. Nur eine ausgetrocknete Tränke kündet noch von besseren Tagen. Der Bauarbeiter Valentin Ortega erinnert sich noch, wie in seiner Kindheit die Schule im Dorf plötzlich geschlossen wurde und er in ein Internat in einem Nachbarort gehen musste. Damals verließen viele Familien das Dorf, weil sie von der Rinderzucht nicht mehr leben konnten. Doch Valentins Vater liebt die Rinderzucht und konnte sich nie vorstellen, etwas anderes zu machen. Sein Sohn war deshalb der Einzige, der nach dem Internat wieder ins Dorf zurückkehrte. Aber selbst er will heute - mit 51 Jahren - nichts mehr von der Rinderzucht wissen.
David Sebastián treibt sein Projekt trotzdem voran. Aus "cariño" - aus Liebe - wolle er die Rinderzucht in dem Dorf wieder einführen, sagt er. Einen Lohn für seine Arbeit als Bürgermeister bekommt er nicht; dafür ist die Gemeinde zu klein. Und das erwartet er auch gar nicht. Er ist selbst Unternehmer. Von seinem Vater hat er die Firma Distribuciones und Exclusivas übernommen - einen Gourmethandel in Burgos. Und dafür hat er große Ambitionen: 2007 hat er bereits eine eigene Winzerei für ökologische Weine der Marke "David Sebastián" gegründet. Und nun soll die Finca Qualitätsfleisch für die Firma produzieren. "Caciques" nennen die Spanier jene Unternehmer, die wie Sebastián die wirtschaftlichen Fäden in einem Ort in der Hand halten und oft auch die eigenen Interessen im Blick haben.
Weil viele Gemeinden in Spanien ineffizient geführt werden, ist neben den geplanten Kürzungen auch eine grundlegende Kommunalreform im Gespräch. Die Zuständigkeiten der verschiedenen Ämter sollen klarer aufgeteilt und Kommunen zusammengelegt werden. Denn das Beispiel von Jaramillo Quemado zeigt, dass viele Dörfer einen Bürgermeister vor Ort kaum noch brauchen.
Sebastián lebt nicht in seiner Gemeinde, er wohnt und arbeitet in der größeren Provinzhauptstadt Burgos. Nur am Wochenende fährt er in das 50 Kilometer entfernte Dorf, um die Post abzuholen. "Es macht mich immer nervös, hier zu sein", sagt er, als er das verlassene Bürgeramt betritt. "Die Handyverbindung bricht hier immer ab." Viel ist in Jaramillo Quemado ohnehin nicht zu machen. Das meiste sind Routineaufgaben. Alle zwei Jahren müssen die Straßen ausgebessert werden.
Und wenn die Wasser- oder Stromleitungen kaputt sind, wird ein Handwerker gerufen. Im August werden kleine Sommerfeste für Touristen organisiert. Aufgaben, die leicht der Bürgermeister des Nachbardorfs oder die Zentralverwaltung in Burgos übernehmen könnte. Denn schon jetzt ist die Provinzverwaltung die Hauptanlaufstelle für David Sebastián.
100 Meter ist sein Büro von dem schmucken Verwaltungsgebäude in Burgos entfernt. "Ganz praktisch", meint er. Hier muss er die Bauanträge für Straßen und Fincas absegnen lassen. Und hier muss er sich die Steuergelder für seine Projekte genehmigen lassen. Ob Jaramillo Quemado in Zukunft dafür noch einen Bürgermeister braucht, will er nicht kommentieren. Er will auf jeden Fall bei der nächsten Kommunalwahl in drei Jahren nicht mehr antreten. Denn dann gibt es für ihn nichts mehr zu tun. Im Frühjahr soll seine Finca eingeweiht werden - wenn sich bis dahin ein Bauer findet.