Noch am Donnerstagmittag hatte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy getönt, der EU-Gipfel am Abend müsse endgültige Klarheit bringen. Eine weitere Chance werde man nicht bekommen. Aber dann verlief die Sache doch so, wie wir es von vielen Rettungsgipfeln vorher kennen: Es gibt sinnvolle Beschlüsse, die Rettungsschirme werden aufgestockt - und anschließend gilt das Prinzip Hoffnung: Dieses Mal werden wir bei Märkten und Bürgern damit durchkommen. Schön wär's!
Leider ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Krise - vor allem bei schwachen Wirtschaftsdaten - weitergeht und in einigen Monaten wieder nachgebessert werden muss. Die Korrektur wird diesmal sogar schon terminiert: Im März wird analysiert, ob 500 Mrd. Euro Ausleihsumme für die Rettungsschirme EFSF und ESM reichen oder ob aufgestockt werden muss.
Fassen wir das Jahr einmal kurz zusammen. Die EU-Kommission hat schon Anfang 2011 erklärt, dass die EFSF-Milliarden zur Abschreckung nicht reichen und mehr Geld nötig ist, um die Märkte zu beruhigen. Seitdem wurde erst die reale Ausleihkapazität des Rettungsfonds von 250 auf 440 Mrd. Euro aufgestockt. Noch bevor der Bundestag die dafür nötige Erhöhung seiner Garantien beschlossen hatte, wurde die Hebelung der EFSF-Gelder angekündigt. Im Oktober wurde der Hebel beschlossen, die EFSF kommt damit auf maximal 1000 Mrd. Euro.
Weil das auch nicht reichen könnte, gibt es nun von den EU-Staaten 200 Mrd. Euro für den Internationalen Währungsfonds (IWF) - in der Hoffnung auf ähnlich hohe Beiträge aus anderen Teilen der Welt. So sind im Laufe des Jahres aus 250 immerhin sagen wir 1400 Mrd. Euro geworden. Das dürfte reichen, um Spanien und Italien für längere Zeit mit Kreditlinien oder Anleihekäufen zu stützen. Die "Bazooka" ist es nicht, das wären Eurobonds oder eine andere Form gegenseitiger Garantien für die Schulden in der Euro-Zone.
Die Bundesregierung und der Bundestag müssen sich fragen lassen, ob ihr Vorgehen nicht Täuschung der Bevölkerung oder Selbstbetrug ist. Im September wurde gesagt, bei 211 Mrd. Euro Garantien ist Schluss, aber jetzt wird der Rahmen indirekt über die Bundesbank und über eine Wiederbelebung des Bankenrettungsfonds Soffin doch deutlich erhöht. Vielleicht wäre eine große Lösung im Sommer doch billiger gewesen als immer neue mittelgroße Schritte.
Dazu kommt, dass das Ganze nur funktioniert, weil man sich auf die tätige Mithilfe der Europäischen Zentralbank (EZB) verlässt, die schon wieder im Markt aktiv ist. Auch das hatte sich von deutscher Seite schon einmal anders angehört. Die EZB flutet die Banken mit billigem Geld. Es geht nicht anders, widerspricht jedoch den Berliner Bekundungen, damit solle irgendwann Schluss sein.
Teil 2: Merkel hat sich weitgehend durchgesetzt
Zunächst möchte auch ich lobend hervorheben, was der EU auf dem Gipfel gelungen ist. Man hätte es doch noch vor Monaten für unmöglich gehalten, dass nicht nur alle 17 Staaten der Eurozone, sondern sogar insgesamt 23 bis evtl. sogar 26 Staaten der EU einen mittel- und langfristig gesehen äußerst positiven Haushalts- und Stabilitätspakt schließen. Hier hat Merkel über längere Zeit erfolgreich richtig dicke Bretter gebohrt.
Herr Ehrlich übersieht, dass Merkel auch ein Stück weit eine virtuose Taktikerin der Macht ist. Denn sie kann ja nicht einfach alles machen, was sie will. Sie muss berücksichtigen: Koalitionspartner FDP, Schwesterpartei CSU, Mehrheiten im Parlament, Position des Bundesverfassungsgerichtes. Und dann muss sie auch noch vor allem mit Sarkozy und allen weiteren Regierungschefs in Eurozone und EU auf einen Nenner kommen.
Das alles blendet Herr Ehrlich leider aus. Eine Beteiligung des Privatsektors entsprach nicht nur dem Gerechtigskeitsempfinden der Bevölkerung in Deutschland, sondern wurde Merkel vom Deutschen Bundestag zwingend vorgegeben. Hätte man diese Beteiligung nicht aufgenommen, wäre eine gemeinsame Haltung des Parlamentes nicht möglich gewesen.
Eine Beteiligung privater Gläubiger war für den Sonderfall Griechenland angebracht und notwendig, denn die Schuldentragfähigkeit war bei weitem nicht mehr gegeben.
Bei allen anderen Staaten kommt man ohne Schuldenschnitt über die Runden.
Sarkozy lehnte es lange Zeit ab, Überwachungs- und Kontrollrechte für seinen Haushalt an eine EU-Institution zu übertragen. Darauf musste Merkel Rücksicht nehmen, aber Sarkozy lenkte jetzt ja ein.
Merkel sagte von Anfang an, dass nicht derjenige ein guter Europäer sei, der gleich das gesamte Füllhorn ausschütten wolle, sondern der, dem an einer langfristig stabilen Eurozone gelegen sei. Daher müsse man die Probleme nachhaltig an der Wurzel anpacken.
Also stemmte sie sich zurecht gegen Eurobonds, die die FDP ohnehin kategorisch ablehnt, denen auch das Bundesverfassungsgericht einen gewissen Riegel vorgeschoben hat, die nicht kurzfristig umsetzbar gewesen wären und die vor allem völlig falsche Anreize Richtung der Problemstaaten gesetzt hätten. Mit solchen Maßnahmen wäre der Reformdruck und die Einsicht zum Schuldenabbau und zur Haushaltsdisziplin erloschen.
Dass die Krise nicht mit einem Gipfel, nicht mit mehreren Gipfeln und auch nicht mit einzelnen Maßnahmen beendet werden könne, sagt die Bundeskanzlerin doch bei jeder Gelegenheit.
Aber sie hat jetzt die Stabilitätsgrundlage für die Eurozone, die sie immer wollte und kann jetzt eher unkonventionellen Maßnahmen zustimmen oder z. B. bei der EZB vorübergehend ein Auge zudrücken.
Merkel wollte von Anfang an eine Stabilitätsunion und es ist ihr tatsächlich gelungen, die anderen Staaten von diesem mittel- und langfristig nachhaltigsten Weg zu überzeugen.