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Merken   Drucken   06.02.2012, 21:35 Schriftgröße: AAA

Kampf mit der Schuldenkrise: Führender Banker fordert Kurzarbeit in Spanien

Die Iberer ringen mit der Krisenbewältigung. Einer der führenden Ökonomen Spaniens befürchtet eine weiter ansteigende Zahl der Arbeitslosen. Im FTD-Gespräch erläutert BBVA-Chefökonom Rafael Domenech, warum.
© Bild: 2012 FTD.de/FTD/Liesa Johannssen
Exklusiv Die Iberer ringen mit der Krisenbewältigung. Einer der führenden Ökonomen Spaniens befürchtet eine weiter ansteigende Zahl der Arbeitslosen. Im FTD-Gespräch erläutert BBVA-Chefökonom Rafael Domenech, warum. von Birgit Jennen, Madrid
Vor einem weiteren Anstieg der ohnehin schon dramatisch hohen spanischen Arbeitslosigkeit hat einer der führenden Ökonomen des Landes gewarnt. Da die Wirtschaft 2012 jetzt wieder zu schrumpfen drohe, gelte es, einen "deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern", sagte Rafael Domenech, Chefökonom von Spaniens zweitgrößter Bank, der Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA), im Interview der FTD. Dafür müsse die Regierung ihre Politik auf einen neuen Kurs bringen. Als ein Beispiel für die Umorientierung nannte Domenech dabei das Vorbild der deutschen Kurzarbeit.
Die jüngsten Meldungen zur Entwicklung der spanischen Wirtschaft sorgen für Alarmstimmung: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist nach kurzer Erholung im vierten Quartal 2011 wieder geschrumpft, wie erste Schätzungen ergaben - um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Das schlägt sich bereits auf dem Arbeitsmarkt nieder. Jeden Tag werden 9000 Menschen entlassen. Die Arbeitslosenquote kletterte zuletzt auf 22,8 Prozent.
Menschen stehen vor einem Arbeitsamt in Madrid   Menschen stehen vor einem Arbeitsamt in Madrid
Nach Domenechs Diagnose ist daran auch das bisherige Krisenmanagement schuld. Während die EU-Kommission von Spanien Strukturreformen fordert, um den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren und dabei auf strikte Einhaltung der EU-Defizitregeln pocht, reicht das nach Ansicht des Ökonomen nicht aus. Bei einem Wachstum von zwei Prozent und den geforderten Strukturreformen werde es sechs bis sieben Jahre dauern, bis Spanien die Rekordarbeitslosigkeit allein auf das derzeitige Durchschnittsniveau der Euro-Länder von zehn Prozent gesenkt habe.
Kurzfristige Maßnahmen seien notwendig, um zu verhindern, dass Jobs permanent zerstört würden, sagte Domenech. Dabei blickt der spanische Ökonom nach Deutschland. Mithilfe von Kurzarbeit habe Deutschland 2009 die Rezession gut gemeistert. Der Abschwung ging einher mit einem Rückgang der Arbeitszeit; der Anstieg der Arbeitslosigkeit hielt sich in Grenzen. In Spanien passierte das Gegenteil: Die Rezession ging zwar ebenfalls mit einem Rückgang der Arbeitszeit einher; aber die Erwerbstätigkeit ging noch stärker zurück als das BIP. Um Madrids Sparkurs in den kommenden zwei Jahren auf dem Arbeitsmarkt abzufedern, sei eine Einführung von Kurzarbeit nach deutschem Modell daher sinnvoll.
Von der Fiskalpolitik fordert Domenech einen Spagat: Einerseits müsse die Regierung am Kurs der Haushaltsdisziplin festhalten - auch um die Investoren an den Finanzmärkten zu beruhigen. Das könne sich auf Dauer auch wirtschaftlich lohnen. "Unsere Berechnungen zeigen, dass eine nachhaltige Senkung der Risikoprämien auf Staatsanleihen um 100 Basispunkte für zwei Prozentpunkte mehr Wachstum sorgen." Die Arbeitslosigkeit könnte damit um knapp einen Prozentpunkt gesenkt werden, so Domenech.
Andererseits dürfe die Fiskalpolitik nicht zu rabiat vorgehen, um den Abschwung nicht zu beschleunigen. Daher sollte das bisherige Versprechen, das Staatsdefizit auf 4,4 Prozent der Wirtschaftsleistung zu senken, auch nicht allzu strikt genommen werden: "Wir sollten uns auf den Abbau des strukturellen Defizits fokussieren", also den Saldo, der sich unabhängig von kurzfristigeren konjunkturellen Einflüssen ergibt.
Es sei "nicht realistisch", dass Spanien das Ziel von 4,4 Prozent erreiche, da es auf einer überholten Wachstumsprognose von 2,3 Prozent für dieses Jahr beruhe, so Domenech. Die Regierung dürfe jetzt nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen und wirtschaftlich sinnvolle Infrastrukturprojekte kürzen. Stattdessen müsse auf regionaler Ebene Druck gemacht werden. Die 17 autonomen Regionalregierungen müssten effizienter werden und ihre Sparbemühungen fortsetzen.
Spanische Sorgen
Ökonomenstimme Rafael Domenech ist Chefvolkswirt der BBVA und außerdem Wirtschaftsprofessor an der Universität Valencia. Er gilt als einer der wichtigsten spanischen Ökonomen und hat neben dem ehemaligen spanischen Premierminister José Luis Rodríguez Zapatero auch die OECD und die EU-Kommission beraten.
Misere Volkswirte wie Domenech haben allen Grund, sich um Spaniens Wirtschaft Sorgen zu machen. Die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie in keinem anderen Land der EU. Für 2012 rechnen nun die meisten Auguren mit Rezession. Der Internationale Währungsfonds sagt einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 1,7 Prozent voraus, Optimisten wie die DZ Bank erwarten zumindest eine Schrumpfung um 0,5 Prozent.
  • Aus der FTD vom 07.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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