Der Klimawandel ist unausweichlich. Regierungen und Unternehmen müssen rechtzeitig handeln, um den Schaden in Europa zu begrenzen. Was sie konkret tun können, zeigt die FTD-Serie "Zwei Grad plus".
Dossier
Dass der Klimawandel in Europa längst angekommen ist, daran zweifeln nach den Waldbränden und Überflutungen des Sommers 2007 nur noch die hartnäckigsten Skeptiker. Weniger bekannt ist, dass der globale Temperaturanstieg Europa überdurchschnittlich heftig treffen dürfte. von Ulrike Sosalla (Berlin)
Seit Beginn der Industrialisierung stieg die Durchschnittstemperatur in Europa um 0,9 Grad, mehr als im globalen Durchschnitt. Die Prognosen für die kommenden 100 Jahre gehen davon aus, dass die Temperatur sich zwischen Mittelmeer und Polarkreis weiterhin schneller erhöht als im Rest der Welt.
"Selbst wenn wir alle Maßnahmen der Emissionsminderung ergreifen, werden wir die globale Erwärmung bestenfalls auf zwei Grad Celsius begrenzen können", erläuterte Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, kürzlich bei einem Vortrag in Erfurt. "Für Thüringen bedeutet das vielleicht drei oder vier Grad in diesem Jahrhundert." Was für Thüringen gilt, gilt für viele Teile Europas.
Meterhohe Wellen an der nordfranzösischen Küste, verursacht vom Orkan "Kyrill"
Dennoch sind Europas Klimaexperten von Katastrophenszenarien weit entfernt. Denn die Ausgangsposition des Kontinents ist besser als die vieler anderer Regionen, vor allem auf der Südhalbkugel. Die meisten europäischen Staaten verfügen über finanzielle Spielräume, um höhere Deiche und moderne Bewässerungsanlagen zu bauen, sie haben eine funktionierende öffentliche Infrastruktur und können Bauern, Forstwirte und Tourismusmanager vorbereiten.
Der Süden hinkt hinterher
Allerdings ist das Bewusstsein, dass sich Staaten und Gesellschaften an den Klimawandel anpassen müssen, noch recht unterschiedlich verteilt. "Es gibt eine Differenzierung zwischen den Regionen", sagt Peter Kristensen, der für die europäische Umweltbehörde EEA (European Environment Agency) an einem Bericht über die Anpassung an die veränderten Wasser- und Niederschlagsströme mitgearbeitet hat. In den Niederlanden - denen stärkere Sturmfluten und eine Erhöhung des Meeresspiegels drohen - ist die Planung für höhere Deiche und größere Überflutungsflächen weit fortgeschritten. Alle staatlichen Ebenen sind aufgerufen, den Klimawandel bis 2015 in ihre regionalen Infrastrukturplanungen einzuarbeiten. Anders in Süditalien und Griechenland: Obwohl dort gravierende Veränderungen durch heiße, regenarme Sommer und extrem starke Niederschläge im Rest des Jahres drohen, gibt es Anpassungsprojekte bisher nur vereinzelt auf lokaler Ebene.
Diese Unterschiede haben die EU-Kommission aufgeschreckt. In ihrem kürzlich veröffentlichten Grünbuch zur Anpassung an den Klimawandel mahnt sie: "Ohne eine frühzeitige politische Regelung könnte die EU gezwungen sein, spontan und in Reaktion auf immer häufiger auftretende Krisen und Katastrophen oft auch abrupt zu intervenieren, was sich als sehr viel kostspieliger erweisen und Europas soziale und wirtschaftliche Systeme und seine Sicherheit bedrohen wird." Für den Anstieg des Meeresspiegels etwa schätzt eine EU-Studie, dass simples Abwarten viel teurer würde als beherztes Eingreifen. So würde ein Meeresspiegelanstieg um 25 Zentimeter bis 2020 ohne Anpassungsmaßnahmen Kosten von 5,5 Mrd. Euro verursachen.
Relativ kleine Investition - großer Nutzen
Würden dagegen 400 Mio. Euro in Anpassungsmaßnahmen investiert, blieben die Kosten des Restschadens bei vergleichsweise überschaubaren 1,4 Mrd. Euro. Noch drastischer fällt das Szenario aus, falls der Meeresspiegel bis 2080 um 56 Zentimeter ansteigt: Ohne Anpassung würde das Schäden von mehr als 18 Mrd. Euro nach sich ziehen. Dagegen könnten Anpassungsinvestitionen von 1,5 Mrd. Euro den Restschaden auf 1,5 bis 2 Mrd. Euro begrenzen.
Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass solche Berechnungen vor allem für Küstengebiete, die Mittelmeeranrainer und die Alpenregion lebenswichtig sind. Denn sie wird der Klimawandel am härtesten treffen. Den Ländern rund ums Mittelmeer macht vor allem die Kombination aus höheren Temperaturen und geringeren Niederschlägen zu schaffen. Das hat Auswirkungen auf die Landwirtschaft, die dort bereits in hohem Maß von Bewässerung abhängig ist. Tropenkrankheiten wie Malaria und Dengue, bisher vor allem auf der Südhalbkugel zu Hause, könnten den Sprung nach Spanien und Italien schaffen.
Nicht überall in Europa ist die Bilanz des Klimawandels jedoch eindeutig negativ. Was etwa die Landwirtschaft angeht, "wird sich der Klimawandel für das nördliche Europa eher positiv, für einige Teile Süd- und Osteuropas dagegen eher negativ auswirken", so der Schlussbericht des Europe Acacia Project, das erstmals eingehend die Klimaeffekte auf Europa untersucht hat.
Warmzeit
In den vergangenen 100 Jahren ist die Durchschnittstemperatur in Deutschland um etwa 0,8 Grad gestiegen. Dieser Erwärmungstrend hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte deutlich beschleunigt. Hochgerechnet auf 100 Jahre, beträgt die Zunahme derzeit 1,5 Grad. Neun der zehn Jahre des vergangenen Jahrzehnts und alle bisherigen Jahre des 21. Jahrhunderts waren wärmer als der langjährige Durchschnitt. Der kühle und verregnete Sommer in diesem Jahr ist kein Indiz dafür, dass der langfristige Trend sich umkehrt.
Auch die sofortige Stilllegung aller Kohlekraftwerke würde eine weitere Klimaerwärmung nicht verhindern
Für die nächsten Jahrzehnte ist eine weitere Erwärmung der Atmosphäre programmiert, unabhängig von der Entwicklung der Treibhausgasemissionen. Treibhausgase wirken langfristig. In den vergangenen Jahrzehnten sind die globalen Emissionen so steil angestiegen, dass sich schon jetzt eine weitere Erwärmung nicht mehr abwenden lässt - selbst wenn morgen alle Autos und alle Kohlekraftwerke stillgelegt würden.
Umweltschützer haben lange Zeit Vorbereitungen zur Anpassung an den Klimawandel kritisiert. Sie sahen darin ein Zeichen der Resignation und eine Obstruktionsstrategie gegen wirksame Maßnahmen zum Schutz des Klimas. Anpassungsstrategien wurden zunächst vor allem von solchen Staaten empfohlen, die ihre eigenen Emissionen nicht senken wollten und damit nichts gegen die Ursachen des Klimawandels tun wollten.
Mittlerweile haben alle eingesehen, dass ein gewisses Maß an Klimawandel unausweichlich ist. "Der Klimawandel, der in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten stattfinden wird, lässt sich nicht mehr aufhalten, aber es immer noch möglich, unsere Gesellschaften und Volkswirtschaften wenigstens einigermaßen vor seinen Einflüssen zu schützen", schrieb Nicholas Stern im vergangenen Jahr in seinem aufsehenerregenden Report über die wirtschaftlichen Aspekte des Klimawandels. "Die Anpassung wird zig Milliarden Dollar pro Jahr allein in den Entwicklungsländern kosten und wird die bereits dürftigen Mittel dort weiter belasten."
Wie für den Klimaschutz durch Senkung der Emissionen gilt auch für die Anpassung an Klimaänderungen das wirtschaftliche Grundpostulat des Stern-Reports: "Die Vorteile eines entschiedenen und frühen Handelns überwiegen die wirtschaftlichen Kosten des Nichthandelns bei Weitem."
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