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Merken   Drucken   16.01.2012, 21:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Lucas Zeise - Unterwerfungsgesten  

Wie Masochisten liefern sich die Regierungen der Europäischen Union dem  Urteil der Ratingagenturen aus - um sich dann darüber aufzuregen.
© Bild: 2012 Klaus Stuttmann/FTD
Premium Wie Masochisten liefern sich die Regierungen der Europäischen Union dem Urteil der Ratingagenturen aus - um sich dann darüber aufzuregen. von Lucas Zeise 
Die Herabstufungen von S&P sind ...

 

Die Herabstufungen von S&P sind ...

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Sind Politiker und Journalisten dem kollektiven Wahn verfallen? Im fünften Jahr der globalen Finanzkrise halten sie Ratingagenturen immer noch für gottgleiche Wesen. Für die deutschen Qualitätszeitungen "Süddeutsche", "FAZ" und die englische "Financial Times" war der von Frankreich erlittene Entzug der "AAA"-Bewertung durch Standard & Poor's am vergangenen Samstag allen Ernstes die wichtigste Nachricht des Tages. Die nur viertelstündige "Tagesschau" der ARD tags zuvor hatte sich minutenlang damit beschäftigt und die Nachrichtensendung dann noch einmal unterbrochen mit der Knüllernachricht, dass die bis dato nur erwartete Herabstufung Frankreichs nun wirklich erfolgt sei.
Journalisten haben wenigstens die Ausrede, dass sie nur das für wichtig nehmen, was die Akteure in der realen Welt der Macht und Wirtschaft selber für bedeutend halten. Eine gute Ausrede. Denn mehr Aufwand hätte die Regierung des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy (und seine Opposition) gar nicht betreiben können, um diese uninteressante Meinung einer popeligen Ratingagentur zum Großereignis hochzujubeln. François Hollande, Präsidentschaftskandidat der Sozialisten, wirft Sarkozy mit Recht vor, den Erhalt des dreifachen A zum Regierungsziel erhoben zu haben - ein unglaublich dummes Ziel. Sarkozy unterstellte, dass die Ratingagentur sich schon scheuen werde, seine Regierung zu brüskieren, und wollte wohl damit die Märkte beeinflussen. Vielleicht hat das sogar bei den anderen Ratingagenturen funktioniert. An der Dummheit solcher Taktik ändert das freilich nichts. Die Herabstufung ist nun eine weithin sichtbare politische Niederlage.
Das stellt Hollande gebührend heraus und beklagt dann im Tonfall des künftigen Staatsmanns, dass nach dieser Herabstufung Frankreich nicht mehr in derselben Liga spiele wie Deutschland. Und das soll vorher anders gewesen sein? Das kann Hollande nicht wirklich glauben. Hat er nicht beobachtet, wie Frau Merkel mittlerweile seinen Immer-noch-Präsidenten Sarkozy herumschubst? Wenn sie es wieder ganz schlimm getrieben hat, kündigt der in hyperaktiven Redeschwällen an, sein Land immer noch deutscher machen zu wollen. Hat der Sozialist nicht beobachtet, wie die Zinsdifferenz zwischen deutschen und französischen Staatspapieren im vergangenen Jahr immer weiter wurde und das Urteil der Ratingagentur nur noch nicht vorlag?
Wirklich alle, die sich nur ein ganz klein wenig mit dem Thema Ratingagenturen befassen, wissen, dass ihre Urteile ein nachlaufender Indikator sind. Der Fall Frankreich ist die geradezu klassische Illustration dieser Feststellung. Erst fallen die Kurse der französischen Staatsanleihen (OATs), und die Bundesanleihen steigen. Dann passiert erst lange nichts. Das geht ein ganzes Jahr so. Die OAT-Zehn-Jahres-Rendite erreicht zeitweise fast das Doppelte der entsprechenden Bund-Rendite - von wegen dieselbe Liga. Und nun, nach Monaten der OAT-Schwäche, folgt endlich S&P mit der kleinen Herabstufung. Regierungen, Opposition und Journalisten tun gemeinsam so, als hätten sie nicht erst vor einem halben Jahr beobachtet, dass die Herabstufung der USA vom obersten "AAA"-Status absolut keine negativen Konsequenzen für die Finanzierung Washingtons am Kapitalmarkt gehabt hatte. Die schlechter werdenden Konjunkturaussichten für die Vereinigten Staaten, die auch ein Grund für die Herabstufung des Landes durch S&P waren, sorgten dafür, dass sich die Treasury-Renditen sogar noch verbilligten.

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