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Merken   Drucken   30.11.2012, 22:09 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke - die FTD, Angies jüngstes Opfer

Drei Jahre hat die FTD der Kanzlerin sorgsam empfohlen, wie die Krise zu managen ist. Jetzt geht die Zeitung an den Folgen der unzureichenden Umsetzung zugrunde. Wie ungerecht.
© Bild: 2012 DPA/Julian Stratenschulte
Drei Jahre hat die FTD der Kanzlerin sorgsam empfohlen, wie die Krise zu managen ist. Jetzt geht die Zeitung an den Folgen der unzureichenden Umsetzung zugrunde. Wie ungerecht.

Seit klar ist, dass der FTD die Zukunft ausgeht, haben viele Medienleute in den vergangenen Tagen dargelegt, woran das liegt. Und warum das fürs eigene Blatt überhaupt gar nicht zutrifft. Fffff. Wald. Da ist mal von der Konkurrenz aus dem Internet die Rede, mal von strukturell schwindender Bereitschaft, Anzeigen zu schalten. Oder von falschen Entscheidungen.

Alles sicher richtig. Nur der wahre Grund ist bislang nicht wirklich erkannt worden. Es war bei nüchterner Betrachtung: Angela Merkel.

Nun wird der ein oder andere vielleicht sagen, dass das jetzt doch leicht neurotische Züge trägt. Na ja. Sie werden in den nächsten Absätzen selbst sehen, was für die These spricht. Und wie ungerecht die Welt dann wirkt.

Wer nicht auf die FTD hört

Seit drei Jahren haben wir uns immerhin alle Mühe gegeben, der Kanzlerin mit Rat zur Seite zu stehen - und sie vor Unbill im Management der Euro-Krise zu schützen. Was uns nicht voll gelungen scheint.

Thomas Fricke, Chefökonom der Financial Times Deutschland bei den ...   Thomas Fricke, Chefökonom der Financial Times Deutschland bei den Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien

Immerhin haben wir im beginnenden griechischen Winter 2009/10 überlegt, ob es nicht dumm ist, Hilfe per se auszuschließen, wenn es um eine sich selbst verstärkende Angstspirale wie bei einem Bank-Run geht - weil das sonst andere Länder ansteckt. Wir hatten irgendwie im Gefühl, dass es nicht zielführend ist, ein Krisenland hohe Kreditzinsen zahlen zu lassen, wenn man will, dass das Land seine Schulden ab- und nicht aufbaut. Und wir haben gelegentlich zu unterbreiten versucht, dass es zum Gegenteil von sinkenden Schulden führen kann, wenn einem Land allzu viel Austerität auferlegt wird, es heillos kürzt und Steuern erhöht - weil dann die Wirtschaft einbricht und die Schuldenquote (gemessen an der Wirtschaftsleistung) sofort steigt.

Wir haben uns auch Mühe gegeben, die Eskalation verhindern zu helfen, und im Sommer 2011 gewarnt, nicht unbedingt die Privatgläubiger zu schröpfen. Weil auch das nur neue Panik auszulösen drohe. Stattdessen müsse am Ende in so einer Krise ohnehin die Notenbank das System garantieren. War nur gut gemeint.

Irgendwie vergebens. Frau Merkel hat eigentlich per se immer erst mal das Gegenteil gemacht - erst mal:

* Keine Kredite für Griechenland - bis die Eskalation kam und im eigenen Interesse nichts anderes blieb.

* Rumtata-Austerität - bis klar war, dass das Depression und steigende statt fallende Schulden gibt.

* Strafzinsen - bis die Einsicht reifte, dass das Quatsch ist.

* Privatgläubigerbeteiligung - bis die Krise wie prophezeit eskalierte.

* Poltern gegen EZB-Interventionen - bis auch hier diesen Spätsommer der Druck der Vernunft so groß wurde und die Kanzlerin das jetzt ganz schön gut zu finden scheint.

* Und noch im Sommer ein lautes Merkel-Nein zu "Mehr Zeit für Athen" - bis zum jüngsten Gipfel, wo genau das beschlossen wurde, weil alles andere kontraproduktiv wäre.


Konjunkturabsturz lässt Träume platzen
Schock Im Juli 2011 boxte die Kanzlerin gegen vielfache Warnung die Umschuldung Griechenlands durch. Das sorgte an den Märkten für neue Panik, ließ die Euro-Krise eskalieren und Aktienkurse wie Konjunktur abrupt einbrechen.
Wende Seit dem Schockmoment ist es vorbei mit Deutschlands starkem Aufschwung - und auch vorbei mit dem Trend zu allmählich wieder besseren Geschäften in den deutschen Zeitungshäusern.

Das Drama ist, dass späte Einsicht nicht vor Schaden schützt. Und dass in den beständig drei bis zwölf Monaten, die es brauchte, bis die Kanzlerin unseren Rat doch umsetzte, die Krise schon wieder weiter eskaliert war. Was dazu geführt hat, dass sie irgendwann auch die reale Wirtschaft hier erfasst hat. Womit wir bei der Ungerechtigkeit der Geschichte wären.

Zwar hat selbst die EZB nun nötigenfalls eindrucksvolle Interventionen angekündigt - was seit Wochen beruhigend wirkt. Nur hat es uns in der Zwischenzeit selbst erwischt. Ein bisschen so wie den guten Winnetou, als er sich rettend vor Old Shatterhand wirft - und dann (Achtung, hier endet, bitte schön, die Parallele) in seinen Armen stirbt.

Ifo-Geschäftsklima für Deutschland vs. monatliche Anzeigenseiten ...   Ifo-Geschäftsklima für Deutschland vs. monatliche Anzeigenseiten in den wichtigsten deutschen Wirtschaftsblättern

Dabei erweist sich bei näherer Betrachtung als Todesstoß im Hier und Jetzt jenes besagte Festhalten der Kanzlerin an der griechischen Umschuldung, also Privatgläubigerbeteiligung, das Experten heute als Auslöser der dramatischen Kriseneskalation im zweiten Halbjahr 2011 einstufen. Der Schnitt löste in der Tat damals Panik aus, stieß plötzlich Italien und Spanien in den Angstsog - und sorgte vor allem europaweit dafür, dass Aktienkurse und Konjunktur einbrachen. Das Ifo-Geschäftsklima für die deutsche Wirtschaft stürzte in just diesem Moment jäh ab.

Ergebnis: Seitdem ist es Aus mit den deutschen Wachstumsraten um drei Prozent; die Wirtschaft dürfte jetzt zum zweiten Mal schrumpfen. Und, Achtung: Seit eben diesem Sommer 2011 ist es auch Aus mit jenem vormals zarten, aber stetigen Aufwärtstrend bei den Anzeigenverkäufen deutscher Zeitungen und Zeitschriften (siehe Grafik) - Schluss mit jenem Hoffnungstrend, der mit dem Aufschwung 2009 eingesetzt hatte und allmählich Entlastung versprach, wenn auch nicht auf früheren Niveaus. In den wichtigsten deutschen Wirtschaftsblättern begann darauf der neue und fatale Abwärtstrend, der seitdem ebenso wenig gestoppt wurde wie der Rückgang beim Geschäftsklima - und der mit jenem Konjunktureinbruch nach Merkels Coup begonnen hat. Kein Zufall.

 FTD-Wirtschaftswunder

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Das vorläufige Ende der Geschichte kennen Sie. Fatal eben. Immerhin hatten uns unsere Geldgeber noch gesagt, dass es nicht so schlimm sei, wenn wir noch mal den ein oder anderen Euro Verlust machen - solang der Trend im Geschäft nach oben gehe. Damit war seit Mitte 2011 Schluss. Woran sich seitdem konjunkturell auch wenig geändert hat.

Nobel wie einst Winnetou

Nun muss das nicht heißen, dass verschwindende Zeitungen sonst nicht in einem oder zwei Jahren weg gewesen wären. Möglich. Nur scheint der Merkel-Faktor doch stark mitgespielt zu haben. Was jetzt wenig ändert. Es lebt sich nur besser, wenn man die tieferen Gründe vollumfänglich versteht - und sagen kann, dass uns die Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ausgegangen wäre, wenn die Kanzlerin nur früher auf unser Flehen gehört hätte. Filmreif.

Nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn die Krise im Frühjahr gar nicht eskaliert wäre, das nicht Iren, Portugiesen und Spanier mitgezogen hätte, es dort jetzt keine unnützen Rezessionen gäbe - und unsere grundauf gesunde Wirtschaft ihren eigentlich damals absehbar langen Aufschwung erleben würde. Und der Trend bei den strukturell schwächelnden Umsätzen der Zeitung deshalb konjunkturbedingt zumindest noch in die richtige Richtung ginge.

Jetzt stehen wir da wie Edmund Stoiber, Helmut Kohl, Jürgen Rüttgers, Norbert Röttgen, George W. Bush, Silvio Berlusconi, Nicolas Sarkozy und die anderen, die Angela Merkel auf der Strecke hat liegen lassen. Obwohl wir es so gut meinten.

Da muss Frau Merkel eben ohne uns auskommen. Sie wird schon sehen, was sie davon hat. Da hat sie erst mal keinen, der ihr vorher sagt, welche Entscheidung sie in der Euro-Krise in drei bis zwölf Monaten korrigieren muss. Nicht mehr auf lachsrosa. Kann man nur hoffen, dass das ein oder andere hängen geblieben ist.

Die Zeitung stirbt. Wir denken weiter. Weil wir müssen. Keine Frage.

Thomas Fricke ist FTD-Chefökonom. Er schreibt freitags an dieser Stelle.


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