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Merken   Drucken   04.11.2011, 18:25 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke - Explosive Quasselbude Börse

Spätestens die unverhoffte Deklaration Italiens zum Pleitekandidaten offenbart, mit wie viel Willkür Geldjongleure mal eben über das Schicksal ganzer Länder urteilen. Und über uns. von Thomas Fricke 
Was seine Beliebtheit angeht, kommt Silvio Berlusconi  irgendwie auf keinen grünen Zweig mehr. Die Frage ist nur, ob so ein fieser Premier schon reicht, um das ganze Land plötzlich für potenziell bankrottreif zu erklären, wie es an den Märkten gerade getan wird, anders als noch bis vor vier Monaten, als das Land mit demselben Premier als sicher galt.
Stabilitätskultur ohne Lohn   Stabilitätskultur ohne Lohn
Nüchtern betrachtet ist schwer erkennbar, was in Italien heute fundamental schlechter ist als Anfang Juli - und schlimmer als in Großbritannien und den USA, wo die Märkte selbst bei höheren Schulden keine Panik kriegen. Befremdlich ist, wie Fondsmanager mal eben den Daumen senken und über das Schicksal eines Landes urteilen. Mit dramatischen Folgen: Die Panik droht gerade zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden - und uns mit ins Chaos zu ziehen.
Plötzlich alles vergessen
Bis Juli war von Analysten noch täglich zu lesen, warum Italien anders ist als Griechenland, Portugal oder Spanien. Da gab es mindestens fünf Gründe gegen jedwede Staatspleite: vom tatsächlich niedrigeren Staatsdefizit über geringe Auslandsschulden bis hin zum Geschäftsmodell. Da wurde das Land in Gutachten nicht mal im Kapitel der Krisenkandidaten geführt. Erst recht nicht bei Gipfeln.
Die EU-Sparvorgaben für Italien sind...

 

Die EU-Sparvorgaben für Italien sind...

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Vorbei. Vergessen. Jetzt entdecken dieselben Analysten plötzlich, das Land habe ja Staatsschulden über 100 Prozent der Wirtschaftsleistung - ja, seit 20 Jahren und bei eher fallender Tendenz. Oder dass Italiens Wirtschaft in den vergangenen, Achtung, zehn Jahren nur schwach gewachsen ist; das ist mal eine investigative Recherche. Da fabulieren Ökonomen, dass die hohen Zinsen für Italien ja (plötzlich) angemessen sind. Und da wird festgestellt, dass der Italiener in unsicheren politischen Verhältnissen lebt - das konnte ja keiner wissen.
Wenn sich in den vergangenen vier Monaten in Italien überhaupt etwas geändert hat, dann sind es die konjunkturellen Aussichten. Das Land droht in die Rezession zurückzufallen. Nur gibt es das ja auch im angeschlagenen Großbritannien - ohne dass die Märkte Panik machen. Der richtige Absturz kam ohnehin erst nach der Marktpanik.
Nach allen gängigen Maßstäben dürfte Italien kein Solvenzproblem haben. In kaum einem Industrieland ist das Staatsdefizit in der Krise 2009/10 so mäßig gestiegen, liegt die Schuldenquote nach dem Finanzcrash niedriger als früher. Entsprechend bescheuert ist das Gequatsche, Italien habe erst seit Ausbruch der Panik im Juli zu sparen begonnen - unter dem heroischen Druck der Märkte.

Teil 2: In Italien steigen die Risikoprämien, in den USA sinken sie

  • Aus der FTD vom 05.11.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 07.11.2011 10:53:53 Uhr   Finanzmarktspäher: Weichspüler Fricke

    Unter den Journalisten, die über die anhaltende Finanz- und Staatsschuldenkrise berichten, gehört Herr Fricke sicherlich zu den Verlierern.

    Er hätte am liebsten gleich zu Beginn der Probleme in der Eurozone ein Rundum-Sorglos-Paket geschnürt, für das vor allem Deutschland in der Haftung gestanden hätte. Herr Fricke ist auch sehr frühzeitig für die Einführung von Eurobonds eingetreten.

    Die Probleme in Griechenland hat Herr Fricke in einer Art und Weise verharmlost, die kaum erträglich ist. Vor Wochen schrieb er, dass es nun mal gut sei mit Griechenland und man die öffentliche Beschäftigung mit diesem Land mal für einige Zeit aussetzen solle. Eine grandiose und Fricke-exclusive Fehleinschätzung! Nicht zuletzt die FTD selbst hat nach der Verkündigung des Herrn Fricke weiter jeden Tag über Griechenland berichtet und musste das auch tun.

    Was Herr Fricke nicht realisiert hat, ist die Tatsache, dass der Schlüssel zur Lösung der Probleme und für eine zukunftsfähige Eurozone bei den Staaten selbst liegt. Nur wenn die ihre Schulden abbauen und notwendige Strukturreformen umsetzen, machen sie sich und die gesamte Eurozone unangreifbar.
    Die Einnahmen Griechenlands würden sich mit einer funktionierenden Steuerverwaltung, dem Eintreiben der Steuern (auch bei den reichen Leuten) und dem Abbau des Staatsbediensteten-Wasserkopfes enorm verbessern. Parallel dazu muss die Wirtschaftsstruktur aufgebaut werden.

    Wenn Schulden abgebaut und schmerzhafte Reformen durchgeführt werden, dann geht es natürlich erst mal vorübergehend schlechter, bis es dann aufwärts geht.
    Italien hat zwar gigantische 1,9 Billionen Euro Schulden, ist aber tatsächlich stark genug, sich selbst zu helfen.
    Hätten Berlusconi und seine Regierung glaubwürdige Sparanstrengungen und Strukturreformen vertreten und auf den Weg gebracht, dann wäre Italien garnicht in den Focus gerückt und wäre nicht angreifbar gewesen.
    Was Herr Fricke übersieht ist aber, dass der zutiefst unseriöse Berlusconi und seine Regierung das in diesen Zeit so enorm wichtige Vertrauen verspielt haben. Wer wie Berlusconi sogar die EZB linkt und nach dem Aufkauf von italienischen Anleihen vorher beschlossene Reformen wieder zurückzieht, dem glaubt man nichts mehr. Leute wie der angesehene Unternehmer Montezemolo und die Vorsitzende der italienischen Unternehmerverbände sagen schon seit Monaten, dass die Regierung versagt habe und zurücktreten solle und dass endlich notwendige Struturreformen für die Wirtschaft umgesetzt werden müssten.

    Richtig ist, dass die Eurozone besser dasteht als z. B. die USA, Japan oder Großbritannien. Die USA haben eine mehr als doppelt so hohe Neuverschuldung und eine viel höhere Gesamtverschuldung, ohne dass notwendige Reformen in Sicht wären. Hier muss man auch die Rolle der Ratingagenturen hinterfragen. Vor allem müssen aber die Staaten glaubwürdig handeln und ihre Schulden abbauen.

  • 06.11.2011 11:28:07 Uhr   Reflection : Angenommen, Sie argumentieren richtig
  • 05.11.2011 17:35:41 Uhr   Illoinen: Richtige Argumentation Herr Fricke
  • 05.11.2011 11:12:49 Uhr   menssana: Anamnese
  • 05.11.2011 09:39:54 Uhr   Fritz: Italiens Süden: ein Fass ohne Boden
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