Egal, ob man mit Leuten in Deutschland, Belgien, Frankreich oder Italien redet - unter politisch interessierten Europäern ist heute das Gefühl weit verbreitet, dass die Durchschnittsqualität der politischen Führung nicht mehr das ist, was sie vor relativ kurzer Zeit noch war. Die Debatte sei ärmer und irgendwie belangloser geworden, die Führungsfiguren im Durchschnitt weniger eindrucksvoll als ihre Vorgänger. Die politische Bühne sei anfälliger für die Erfolge skurriler Außenseiter, deren Wirken die Seriosität und Glaubwürdigkeit der Demokratie beschädigten.
Glaubt noch jemand daran, es könne in Deutschland, Spanien oder Schweden eine Frau oder ein Mann die Regierungsmacht übernehmen und die Menschen ähnlich begeistern wie ein Barack Obama, ein Lula da Silva aus Brasilien oder wie einst Willy Brandt, Felipe Gonzáles oder Olof Palme? Europa produziert derzeit gewiefte Machtmenschen wie Nicolas Sarkozy, dessen Geschicklichkeit und politischer Instinkt Eindruck machen. Es produziert beliebte Spitzenpolitiker wie Angela Merkel, deren Ruf als einer der kompetentesten Regierungschefs in Europa allerdings durch das Zögern der Großen Koalition zu Beginn der Finanzkrise gelitten hat.
Doch die Wahrnehmung der Gewichte hat sich verschoben. Bis vor wenigen Jahren gab es nur einen Termin für ein globales Gruppenfoto, sieht man von der Vollversammlung der Vereinten Nationen ab: den G8-Gipfel, mit dem deutschen Kanzler in prominenter Pose. Heute haben wir die G20, und man blickt vor dem Vertreter Deutschlands auf eine ganze Reihe anderer Köpfe. Man erkennt den einen oder anderen Europäer. Doch das Charisma dynamischer Macht wird in der EU der 27 derzeit kaum erzeugt.
Gefühl der Mittelmäßigkeit
Mindestens seit den alten Ägyptern distanziert sich der Mensch von der eigenen Gegenwart gern dadurch, dass er auf eine angeblich bessere Vergangenheit verweist. Doch es wäre zu bequem, das derzeit in Europa grassierende Gefühl einer oft mittelmäßigen oder gar theatralisch hohlen Regierungspolitik als business als usual abzutun. Was hier um sich greift, ist etwas anderes: Die Bürger erkennen immer klarer, dass der Ausgang der nationalen Wahlen alle vier oder fünf Jahre für die Gestaltung entscheidender Gegenwartsentwicklungen zunehmend an Relevanz verliert.
Das Zusammenwirken von ökonomischer Globalisierung und IT-Revolution hat in atemberaubendem Tempo die Machtgewichte und Gestaltungsmöglichkeiten der nationalen und internationalen Politik neu verteilt. Chinesische Delegationen in Washington werden heutzutage gehätschelt und hofiert, während sich europäische Außenminister in kleinem Kreis über eine rüde bis kühl geschäftsmäßige Behandlung durch ihre amerikanischen Gastgeber beklagen. Treten sie einzeln auf, zählen Europas nationale Regierungschefs mittlerweile zur zweiten oder dritten Liga, wo China, Russland, Indien und Brasilien zugleich nach Aufmerksamkeit verlangen.