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Merken   Drucken   07.09.2012, 12:03 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Ulrike Sosalla - Die Sorgen von morgen

Mitten im Euro-Drama lohnt ein Blick auf die Sorgen von gestern. Denn die haben noch Zukunft.

Ulrike Sosalla ist stellvertretende Leiterin des Politikressorts der FTD.

In Deutschland hat man ja immer irgendwie das Gefühl, vom nahenden Untergang bedroht zu sein. Und damit meine ich nicht mal die Vorstellung, dass die SPD die nächsten Wahlen gewinnen und Klaus Wowereit zum Infrastrukturminister machen könnte, mit spezieller Zuständigkeit für Großprojekte.

Ulrike Sosalla ist stellvertretende Leiterin des Politikressorts   Ulrike Sosalla ist stellvertretende Leiterin des Politikressorts

So weit müssen wir gar nicht denken, es gibt genug Bedrohungen im Hier und Jetzt: Lufthansa -Streik, Energiewende, der Niedergang der ARD-Talkshows. Und über allem schwebt die Euro-Krise mitsamt ihren angeschlossenen Szenarien, die wahlweise Hyperinflation oder den Untergang der Alten Welt vorhersagen, gern auch beides. Da kann einem schon mulmig werden. Wer will sich schon am Feuerchen seiner wertlosen 100.000-Euro-Scheine wärmen, wenn das Weltfinanzsystem erst mal das Zeitliche gesegnet hat?

Was wurde aus den Lohnnebenkosten?

An dieser Stelle hilft ein Blick zurück. Was ist eigentlich aus den Sorgen von gestern geworden? Und was sagt uns das für die Sorgen von morgen? Als ich noch beträchtlich jünger und fantasievoller war, hatte ich beispielsweise Angst vor einem Atomkrieg, große Angst, und ich war damit nicht allein. Es gab mächtige Männer in der Welt, die sich vor laufenden Mikrofonen gegenseitig mit ihren Atomwaffen drohten (folgenloses Imponiergehabe von geltungssüchtigen Alphamännchen, wie sich im Rückblick herausstellt), und es gab Filme wie "The Day After" über den Tag nach dem atomaren Erst-, Zweit- und Drittschlag, in den besorgte Lehrer uns klassenweise führten. Damals schien der dritte Weltkrieg tatsächlich die naheliegendste Möglichkeit, wie die Menschheit ihr Zwischenspiel auf der Erde kurzfristig beenden könnte.

Wie das ausging, wissen wir: Das Ende des Kalten Krieges erledigte die Sache mit dem Gleichgewicht der Abschreckung, und wenn Israel und der Iran sich heute gegenseitig mit ihren Atomwaffen drohen, ist das nur noch halb so gruselig - das haben wir doch längst hinter uns, aber so was von.

Die frei gewordene Stelle des gesamtplanetarischen Untergangsszenarios nahm - in Deutschland zumindest - die Klimaerwärmung ein. Vor wenigen Jahren noch schien es ausgemachte Sache, dass der Mensch dabei ist, sehenden Auges in eine Ära von Naturkatastrophen zu steuern, weil sein Hunger nach fossilen Brennstoffen und dauerpupsenden Kühen das Gleichgewicht der Gase in der Atmosphäre ruiniert. So populär war das Thema, dass die Kanzlerin sich eigens vor schmelzenden Eisplatten am Nordpol fotografieren ließ. Das war allerdings, bevor uns der tägliche Zusammenbruch des Weltfinanzsystems drohte und Deutschland die Energiewende beschloss.

Seitdem redet die Bundesregierung vor allem darüber, wie sie genug fossile Brennstoffe verbrennen kann, um die Atomkraftwerke zu ersetzen, was aber auf die breite Öffentlichkeit offenbar nicht mehr besonders bedrohlich wirkt. Oder nehmen wir die hohen Lohnnebenkosten. Die waren zwar nie eine Sorge planetaren Ausmaßes, aber für ein paar deutsche Untergangsfantasien reichte es durchaus. Vor nur sieben Jahren, die Arbeitslosigkeit hatte gerade die Fünf-Millionen-Marke gerissen, waren niedrigere Lohnnebenkosten nach gängiger Heilslehre der Wirtschaftsverbände der sicherste Weg zu Wohlstand und Arbeit für alle. CDU und FDP schworen sich, die Sozialabgaben unter die 40-Prozent-Schwelle zu drücken, um Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu entlasten.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2012, die Arbeitslosigkeit ist auf 2,9 Millionen gesunken, während die Sozialabgaben immer noch knapp über 40 Prozent liegen. Und statt Beiträge zu senken, debattieren die Parteien von links bis rechts nun darüber, wie man die auflaufenden Milliarden am besten ausgeben könnte. Ganz gleich, wovon Deutschlands Wohlstand in diesem Moment gerade bedroht wird: Die hohen Sozialabgaben sind es offenbar nicht.

Hoffen auf den Meteoriten

Natürlich könnte das Gejammer über die Sozialabgaben wieder losgehen, sobald die Chinesen nicht mehr ganz so viel made in Germany kaufen, aber dann sind wir ja schon wieder klüger: Dann wissen wir, dass die Sozialabgaben gar nicht so wichtig sind, solange unsere Währung nur weit genug unterbewertet ist.

Das ist irgendwie tröstlich, so mitten in der Euro-Krise. Vielleicht braucht es gar keine Lösung. Vielleicht reicht es ja, wenn wir eine Weile von der nächsten globalen Sorge abgelenkt würden - sagen wir von einem Meteoriten, der auf die Erde zurast. Und wenn der uns dann knapp verfehlt hat, wissen wir, dass eine Währung mehr oder weniger gar nicht entscheidend ist. Hauptsache, die Atombomben setzen kein Kohlendioxid frei.

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