Die Macher hinter den News: Porträts von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.
Am Anfang wollte Jan Philipp Albrecht nur "ein bisschen rumpunken" im Europäischen Parlament. So sagte er das im vergangenen Sommer: Deutschlands Wähler hatten den damals 26-jährigen Grünen gerade zum jüngsten deutschen Abgeordneten erkoren, und Albrecht schien ein Hinterbänkler-Dasein bevorzustehen. Exakt 60 Sekunden gestand das Hohe Haus dem Neuling aus Wolfenbüttel für seine Debütrede zu. Und bei Albrechts Miniplädoyer gegen das Bankdatenabkommen Swift lungerten höchstens vier Dutzend Abgeordnete im Saal herum.
Ein halbes Jahr später richten sich die Mikrofone und Kameras auf den strubbelköpfigen Jüngling mit Abraham-Lincoln-Bart. Neulich hat gar der EU-Botschafter der USA Albrecht seine Aufwartung gemacht. Denn am Donnerstag entscheidet das Parlament über Swift. Und Jan Philipp Albrecht ist Mister Anti-Swift.
Binnen Kürze hat sich der Datenschutzaktivist zu einem der profiliertesten Gegner des umstrittenen Bankdatenabkommens gemausert - und nebenbei manchen Parlamentarier aus anderen Fraktionen auf seine Seite gezogen. "Ich habe ein Vakuum genutzt", sagt Albrecht über seinen rasanten Aufstieg. Denn als der junge Deutsche vor ein paar Monaten ins Parlament einzog, interessierte sich kaum jemand für die Details dieses komplexen Vertragswerks. Außer Albrecht.
Der frühere Chef der Grünen Jugend kennt sich in Datenschutzfragen aus wie kaum ein Zweiter. Denn damit beschäftigt er sich schon seit Jahren. Jura und Rechtsinformatik hat er studiert - in Hannover, Brüssel und Oslo, wie sich das für einen guten Jungeuropäer gehört. Und nebenbei vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Vorratsdatenspeicherung geklagt.
"Grundrechte sind das Fundament unserer Gesellschaft", sagt Albrecht. "Bevor sie angetastet werden, sind eine genaue Überprüfung sowie die Zustimmung der Parlamente erforderlich." Und seit vor drei Monaten das Lissabon-Abkommen in Kraft getreten ist, hat das Europaparlament bei Swift erhebliche Mitspracherechte.
Sich selbst sieht Albrecht nicht als bedingungslosen Blockierer oder gar Antiamerikanisten. Aber gegen dieses Abkommen hat er Bedenken. "Die Datenmengen werden nicht genau begrenzt, es gibt keinen Richtervorbehalt, und Klagemöglichkeiten bei Missbrauch fehlen", sagt er ernst - und wirkt plötzlich viel reifer als 27. Kaum zu glauben, dass er am Wochenende in Hannover noch in seiner Vierer-WG lebt. Und es schon mal richtig krachen lässt.
In der Partei ist Albrecht bekannt wie ein bunter Hund - und das nicht nur, weil er auf Bundesparteitagen abends als DJ auflegt. Auch die Grünen brauchen Nachwuchs, ihre Frontleute werden immer grauer.
Albrecht sagt, er denke nicht an eine bundespolitische Zukunft. Für ihn zählt erst mal das Heute: Europa, Swift. Da kann er nur gewinnen. Kassiert das Parlament das Abkommen ein, ist er der strahlende Sieger. Und vertagt man sich doch noch mal, kann Jan Philipp Albrecht in den kommenden Wochen wieder richtig rumpunken. Claus Hecking